Predigt am Sonntag "Kantate" - 21.5.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Apg. 16, 23 - 34

Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block. Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, so daß die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offenstehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muß ich tun, daß ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Gemeinde!

Das ist eine absolut unglaubliche Sache! Da stehen die Türen des Gefängnis' offen, aber die Gefangenen machen sich nicht davon! Man hatte sie in den Kerker "geworfen", wie wir hören, sicher waren sie also nicht mit Samthandschuhen angefaßt worden, aber sie nutzen die Gelegenheit nicht, zu entkommen. Und schließlich war der Aufseher, der sie bewachen sollte, gewiß auch kein Mann, der sich besonders um sie bemüht und ihnen den Aufenthalt hinter Gittern versüßt hatte - sie aber bewahren ihn davor, sich etwas anzutun. - Warum verhalten sich Menschen so? Warum machen sich Gefangene die Sache derer zu eigen, die sie in Ketten gelegt und gepeinigt haben? Wie kommen so geplagte und geschundene Leute, die doch mit sich und ihrer Not genug zu tun hätten, sogar noch dazu, an die zu denken und denen Gutes zu tun, die ihnen Angst, Bedrängnis und dunkle Stunden bereiten?

Ich antworte: Weil sie Christen sind! Weil sie Gottes Macht erfahren haben und an ihn glauben! Und ich weiß nichts anderes, was ihr Verhalten erklären könnte. Aber das erklärt es auch! Weil sie etwas von dem Gott wissen, der Menschen - noch in den schwersten Ketten gebunden - frei machen kann, darum müssen sie nicht weglaufen. Weil sie dem vertrauen, der Herr über Leben und Tod ist und ohne dessen Willen kein Haar von unserem Kopf fällt und nichts geschieht, was geschieht - darum können sie seelenruhig in ihrer Zelle bleiben. Wo sollen sie denn auch hin, wo Gott sie besser vor dem bewahren könnte, was ihnen vielleicht droht? Oder wie sollte ihnen denn im Kerker jemand etwas zuleide tun, wenn Gott sie doch davor beschützen will?

Die beiden Gefangenen, Paulus und Silas, glauben an den Gott, der alles Leben erhalten oder auslöschen kann. Sie sind geborgen bei dem, der überall ist, im Gefängnis und draußen, in den Lebenslagen, die uns den Angstschweiß auf die Stirn treiben, genau so wie an den Orten, wo wir gern sind und uns glücklich fühlen. Warum also fortlaufen?

Ich weiß schon, ganz nachvollziehen können wir das nicht! Wir würden sicher mächtig übertreiben, wenn wir von uns behaupten wollten, wir nutzten nicht die erste Möglichkeit zur Flucht, wenn sie sich uns bietet. Und auch das wäre zu dick aufgetragen, wenn wir von unserem Glauben sagen würden, er wäre auch nur annähernd so fest und unbeirrbar wie der dieser beiden Gefangenen. Vielleicht denken wir ja auch, für was das denn wohl gut wäre, wenn wir ebenso starkes Vertrauen zu Gott hätten? Wann werden wir denn je in eine ähnliche Lage kommen, daß wir in einem Gefängnis sitzen und fliehen könnten, es aber nicht tun? -

Ich glaube, mindestens auf diese letzte Frage können wir schon antworten: Es muß doch kein Kerker mit Mauern und Gittern sein, aber sind wir nicht oft auch Gefangene? Ich denke da an so manche Lebenssituation, in der wir von anderen Menschen bedrückt und kleingemacht werden, in der wir nicht so können, wie wir wollen, uns vielleicht schon viel zu lange einer seine Macht spüren läßt und wir sehr gern einmal auf der anderen Seite stünden und den Hebel in die Hand bekämen!

Was würden wir tun, wenn die Türen eines solchen "Gefängnis'" aufgingen, wohin würden wir uns wenden; wie würden wir uns verhalten: Bleiben oder weglaufen?

Wir wollen ehrlich sein: Wenn es ohne Verluste, ohne Einbußen an Ansehen, Verdienst und Chancen für's persönliche oder berufliche Weiterkommen abginge, würden wir uns sicher davonmachen! - Was könnte dennoch für's Bleiben sprechen, für's Aushalten und Bestehen?

Da haben wir nur das Beispiel des Paulus und des Silas. Sie laufen nicht weg. Sie bleiben. Sie vertrauen auf Gott, der sie hier wie da, im Gefängnis oder draußen, in Ketten oder frei retten kann und retten will. Wie gesagt, es ist sicher viel verlangt, sich auf ein solches Vertrauen einzulassen, soviel Glauben aufzubringen! - Aber wenn es wirklich stimmt: Daß Gott uns hält und trägt, rettet und bewahrt - ganz gleich ob im Kerker oder in Freiheit? Wenn das wirklich stimmt und wir das auch erfahren können...könnten?

Wie ist das denn auf der anderen Seite: Wenn wir vor jeder unangenehmen Situation fliehen. Wenn wir den Mund nicht aufbekommen, wo Unrecht geschieht. Wenn wir bei jeder Gelegenheit kleinbei geben. Wenn wir immer wieder - gegen unsere eigentliche Meinung - dem beipflichten, der die Macht, die Beziehungen oder das Geld in seinen Händen hat. - Ist das nicht auch ein schlechtes Gefühl, jeder nötigen Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen, wider besseres Wissen alles gutzuheißen, was einer sagt und tut - bloß weil er die Möglichkeit hätte, uns zu schaden? Hat das nicht auch viel mit Selbstachtung zu tun, und damit, ob wir unser eigenes Bild im Spiegel noch ertragen können?

Gewiß, viele von uns haben sich daran gewöhnt, immer nachzugeben. Es käme ihnen gar nicht mehr in den Sinn, den Mund aufzumachen, schwarz, schwarz zu nennen und weiß, weiß. Da bekommt man doch nur Scherereien! Das ist doch im Grunde nur hinderlich und riskant. Das nützt doch keinem, am wenigsten uns selbst. Zugegeben: Es sind Scherereien, die wir uns einhandeln, wenn wir bleiben, nicht weglaufen und ansprechen, was an Bösem oder Verkehrtem geschieht. Und - ja! - es kann uns hinderlich sein und wir riskieren etwas. Aber das letzte kann ich nicht zugeben: Daß es uns nicht nützt! Paulus und Silas hat es gedient! Der Gefängnisaufseher wird Christ und ihr Freund. Und auch uns wird es nützen: Vielleicht, daß der Chef einsieht, er hat einen Fehler gemacht? Oder daß wir erfahren, wie sich das Klima am Arbeitsplatz oder in der Familie zum Guten verändert. Oft muß es ja wirklich nur einmal ausgesprochen werden, daß Menschen begreifen, was sie eigentlich tun und jahrelang getan haben. Manchmal sind sie sogar dankbar, daß jemand endlich einmal den Mut gefunden hat, ein Wort gegen sie zu sagen. Sicher hören wir oft von Situationen im beruflichen oder persönlichen Bereich, die verfahren sind, in denen die Angst herrscht und keiner wagt, den Mund aufzumachen. Und wenn es einer doch tut, dann erlebt er auch, das es ihm damit schlecht ergeht, daß er Nachteile und Verluste hinnehmen muß. Aber genauso oft gibt es auch die anderen Beispiele: Daß der Mut zum Bleiben, zum Bestehen, zum offenen Wort belohnt wird. Daß Menschen und die Beziehungen, in denen sie stehen, sich so ändern, daß viele, nicht nur der eine, der nicht gekniffen hat und weggelaufen ist, etwas davon haben!

Das schönste dabei ist vielleicht das "Ansehen", das wir vor uns selbst haben, kriegen und behalten. Es ist unvergleichlich wichtig, daß wir im Unrecht aushalten und uns nicht davonmachen, daß wir die Wahrheit sagen, auch wo es schwerfällt, das Rechte tun und uns selbst dabei treu bleiben! Und diese Haltung hat die Verheißung Gottes! In unserer Geschichte von Paulus und Silas drückt sich das so aus: Und der Gefängnisaufseher führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muß ich tun, daß ich gerettet werde? - Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, daß er zum Glauben an Gott gekommen war.

Für uns wird es vielleicht so ausgehen: Wir können vor uns selbst bestehen. Menschen verändern sich. Wir und andere können aufatmen. Es wird etwas wärmer in unserer Umgebung. Aus dem Gegeneinander, das an vielen Orten herrscht, wird ein Miteinander zur Freude aller. Fröhliche Gesichter, Lächeln und Lachen ziehen ein zwischen uns.

Was werden wir tun, wenn demnächst wieder einmal ein "Gefängnis" für uns aufgeht? Bleiben oder Weglaufen? Vielleicht denken wir dann daran, was Paulus und Silas getan haben: Sie bleiben. Sie wissen etwas von Gott, der Menschen - noch in den schwersten Ketten gebunden - frei machen kann, darum müssen sie nicht weglaufen. Sie vertrauen dem, der Herr über Leben und Tod ist und ohne dessen Willen kein Haar von unserem Kopf fällt und nichts geschieht, was geschieht - darum können sie seelenruhig in ihrer Zelle aushalten.

Auch wir haben Gottes feste Zusage: Gott hält uns und trägt uns, rettet und bewahrt - ganz gleich ob im Kerker oder in Freiheit. Gott will, daß wir bleiben und nicht fortlaufen, daß wir mit seiner Hilfe die Wahrheit sagen und das Richtige tun. - Es ist unvergleichlich schön und ermutigend, wenn wir erleben, wie sich dadurch die Dinge, die Menschen und die Situationen verändern!