Predigt am Sonntag "Okuli" - 26.3.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Wer in der Passionszeit in die Kirche geht, der erwartet wohl keine fröhlichen Gedanken oder Predigten, die bei uns Schmunzeln oder gar Lachen wecken. Ich denke, wir wollen heute nicht einmal bestätigt sein, so wie wir sind. Es ist einfach einmal gut, daß wir tiefer blicken. - Die Wochen der Passion eignen sich halt besonders dafür, daß wir uns besinnen, Einkehr halten und über uns selbst nachdenken. Und wir tun das einmal offen und ohne falsche Rücksicht. Wir wollen heute auch unsere Fehler ansprechen und unsere Schuld nennen. Es ist ja doch besser, aus ein paar schmerzhaften Minuten zu einem echten Neubeginn zu finden, als immer und immer so weiter zu machen. Wir mögen uns selbst täuschen können, Gott aber wird uns einmal die Maske vom Gesicht ziehen.-

Wir hören zusammen auf den Predigttext zu diesem Sonntag "Okuli":

Textlesung: 1. Petrus 1, 18 - 21 (Auszug)

Denn ihr wißt, daß ihr nicht mit vergänglichem Silber oder Gold erlöst seid von eurem nichtigen Wandel nach der Väter Weise, sondern mit dem teuren Blut Christi als eines unschuldigen und unbefleckten Lammes. Er ist zwar zuvor ausersehen, ehe der Welt Grund gelegt wurde, aber offenbart am Ende der Zeiten um euretwillen, die ihr durch ihn glaubt an Gott, der ihn auferweckt hat von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt.

Ich bin gleich bei dem "nichtigen Wandel nach der Väter Weise" hängen geblieben. Ein sehr hartes Wort! Wir meinen doch immer, es wäre alles furchtbar wichtig, was wir tun. Und daß wir's tun, ist auch sehr wichtig! Und daß wir's dann tun, wenn wir's tun, ist auch überaus wichtig!

Sie entschuldigen jetzt bitte ein paar spitze Bemerkungen, aber diese Sache ist wirklich zu wichtig, als daß ich mich schonungsvoll zurückhalten könnte: Was ist letztlich wichtig daran, wenn ein Mann am Sonntagnachmittag seinen sportlichen Interessen nachgeht, statt wenigstens einmal in der Woche mit seinen Kindern zu spielen? Oder was ist daran wichtig, wenn eine Frau vom Putzteufel besessen ist und gar nicht mehr merkt, wie sie die Atmosphäre zu Hause zerstört und ihre Leute vergrault? Oder warum muß der Wagen gerade am Sonntag zwischen 10 und 11 gewaschen werden, wenn bei uns viele zur Kirche gehen und daran Anstoß nehmen? Will man diesen Anstoß vielleicht geben???

Hier wird heute einmal deutlich gesprochen: Das ist "nichtiger Wandel"! Dafür hat unser Herr Jesus Christus nicht sein Blut vergossen! Dafür ist er nicht ans Kreuz gegangen, um dort schändlich zu sterben, dafür nicht! Ich spüre das jetzt selbst: Diese Gegenüberstellung, unser "nichtiger Wandel" auf der einen Seite - Christi Sterben auf der anderen, das tut fast weh! Das macht uns fast körperliche Schmerzen, wenn wir von "Autowäsche" hören und dann von Christi Leiden...oder vom Putzfimmel und dann vom Kreuz auf Golgatha... Das kann doch keiner gegeneinander ausspielen! Das paßt doch ewig nicht zusammen! Wer hätte denn so wenig Ehrfurcht vor dem Kreuz und dem Tod seines Herrn? Wer kann denn so sein?

Ich weiß nicht, ob die Menschen nur gedankenlos sind; ich weiß nicht, ob man sie dann entschuldigen könnte, aber im praktischen Leben, im Alltag und am Sonntag stehen diese Dinge oft genug hart gegeneinander: Da bedrücken Menschen, denen selbst soviel Schuld geschenkt wurde, ihre Mitmenschen wegen einer Kleinigkeit (vgl.: "Schriftlesung", Matth. 18, 21 - 35). Da wird wirklich an 52 Sonntagen des Jahres das Kochen für die Lieben vorgeschoben, warum man sich niemals eine Predigt anhören kann. Da läuft wirklich am Karfreitag auf dem Hof die Betonmischmaschine, während es anderen angesichts von Leid und Schmerz Jesu die Tränen in die Augen treibt. Wie paßt das zusammen? - Es paßt eben nicht! Und es darf nicht sein, nicht in einer Gesellschaft, die sich schließlich noch christlich nennt und nicht in einem Dorf (einer Stadt), in dem / der alle - mit wenigen Ausnahmen - doch wenigstens noch Christen heißen. Das ist "nichtiger Wandel"! Davon sind wir, so heißt es hier, erlöst, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit dem teuren Blut Christi! - Warum gibt es diesen "Wandel" dann doch noch? Warum nimmt die Beschäftigung mit "nichtigen" Dingen heute sogar noch zu?

Ich glaube, das hat mit dem letzten Satz zu tun, den wir heute bedenken wollen: "Gott hat Christus auferweckt von den Toten und ihm die Herrlichkeit gegeben, damit ihr Glauben und Hoffnung zu Gott habt." Glauben und Hoffnung fehlen heute. Jedenfalls Glauben und Hoffnung zu Gott. Damit fehlt uns die Ausrichtung für unser Denken und Handeln. Dadurch werden unsere Taten "nichtiger Wandel"! Das kommt oft ganz allmählich; das schleicht sich geradezu ein in ein Leben; die betroffenen Menschen merken es kaum. Ich will dazu drei kleine Geschichten erzählen:

Da kommen einmal zwei junge Leute zum Pfarrer, um ihre Trauung zu bestellen. Und es gibt drei Wochen später ein gutes Traugespräch: So viele gute Vorsätze werden genannt, soviel Einsicht gegenüber der Mahnung des Pfarrers, doch nur ja die Hilfe der Kirche und des Gottesdienstes für die gemeinsame Zukunft nicht zu verachten, ein so schöner Trauspruch wird ausgesucht, mit einer so klaren Weisung zum Weg mit Gott, an seiner Hand, mit seiner Hilfe... Und es wird eine so schöne Trauung! "Herr Pfarrer, das waren wunderbare Worte! Wir werden das nie vergessen! Vielen Dank!" - Aber der Pfarrer hat sie seitdem nie mehr gesehen, die beiden jungen Leute, außer vielleicht auf der Straße. Wo ist all die Hoffnung, die das Brautpaar ausstrahlte? Wo ist der Glaube geblieben, den sie beteuert haben? Richtet sich ihr Hoffen heute auf die Zukunft im eigenen Haus? Glauben sie an ihre eigene Kraft? Welche Rolle spielt Gott noch in ihrem gemeinsamen Leben? Wird man ihn suchen, wenn man ihn wieder einmal "braucht"? Wird er dann zu finden sein?

Eine andere Geschichte: Da wird ein Mensch durch eine Krankheit aus seinem "nichtigen Wandel" herausgeholt. Eine schwere Operation, wochenlanger Krankenhausaufenthalt. Viele Besucher am Krankenbett haben es gehört: "Jetzt wird alles ganz anders! Ich bin so dankbar! Mir ist, als wäre ich noch einmal geboren! Gott hat mir das Leben neu geschenkt! Ja, ich habe die Kraft Gottes gespürt, als sie mich in den Operationssaal geschoben haben. Ihm muß und werde ich danken! Ihr werdet sehen, mein Leben wird ganz anders!" Es muß sehr heimlich zugegangen sein mit der Veränderung. Niemand hat etwas bemerkt. Nicht ein einziger Gang zum Gotteshaus. Das Leben verläuft in den selben Bahnen wie früher. Glauben und Hoffen zu Gott wurden im Krankenhaus zurückgelassen, dazu alle Vorsätze. Der Mensch kann sich mit Fug und Recht von seinen Nachbarn sagen lassen: Du bist wieder ganz der Alte!

Eine dritte Geschichte will ich erzählen: Ein alter Mensch. Er weiß, seine Tage sind gezählt. Er macht Bilanz und erkennt: Ich habe viele Jahrzehnte vertan mit nichtigem Wandel! Ich habe zwar ein Haus gebaut und auch sonst einigen Besitz gesammelt, aber ich bin eigentlich arm an Gütern des Herzens. Wer könnte wohl sagen, daß er mir eine Hilfe verdankt oder einen Trost? Meine Sache mit Gott war mir in guten Tagen auch nie wichtig. Der Sonntag hat immer dem Vergnügen gehört, oft genug der Arbeit an dem, was in der Woche liegen geblieben war. "Gott" - wann habe ich eigentlich zuletzt an ihn gedacht? "Jesus Christus", "Kreuz" und "Leid", "Glauben" und "Hoffnung", "Ewigkeit", was ist das alles? Was kann ich damit anfangen? - Und jetzt sucht der alte Mensch in den Trümmern eines nichtigen Lebens nach Gott. Und wir zweifeln daran, daß er ihn noch findet.

Liebe Gemeinde, was wollen uns diese Geschichten sagen? Was wollen wir uns von ihnen sagen lassen? Einmal das: "Ihr seid erlöst von eurem nichtigen Wandel durch das Blut Jesu Christi!" Und dann - und das scheint heute noch viel wichtiger: Wenn euch Gott einmal Glauben und Hoffen zu ihm schenkt, dann haltet euch daran fest, mit ganzer Kraft, mit Ausdauer, mit zäher Geduld! Vielleicht geschieht das bei euch durch ein schönes Erlebnis mit seiner Güte, eben durch eine Trauung oder andere Erfahrungen von Glück und Freude. Dann packt es und klammert euch daran fest, daß euch keiner diese Schätze wegnimmt! Gefährdet doch - um Gottes Willen! - nicht selbst diesen Besitz! Was ihr da leichtfertig wegwerft, kann am Ende die Planke sein, mit der ihr euch ans Ufer rettet! Oder wenn euch Gott mit einem schweren Schicksal auf die Schulter tippt... Haltet dann eure Vorsätze fest! Laßt sie euch nicht wieder entreißen! Der alte Trott, die Gewohnheit und unser träges Beharren sind starke Feinde! Sie wollen uns nicht aus ihren Klauen lassen, bis sie uns zerstört haben. Keinen Millimeter dürfen wir ihnen nachgeben, sonst kann es ewig zu spät sein! Und schließlich: Wenn ihr bei euch Beispiele für "nichtigen Wandel" entdeckt, dann fragt euch: Wie weit bin ich eigentlich schon weg vom "Glauben und Hoffen zu Gott"? Was habe ich schon "fertiggebracht" an Bosheit und gemeinen Reden gegenüber anderen? Wie schlecht habe ich damit für die eigene vergebene Schuld gedankt!? Welche nichtigen Taten schiebe ich vor, wenn Gott mit mir reden will oder wenn er von mir etwas verlangt? Was habe ich schon dem "teuren Blut Jesu Christi", seinem unschuldigen Leiden und Sterben gegenübergestellt? -

Wenn ich jetzt erschrecke, mag das gut sein! Besser noch wäre es, wenn ich mich besinne, solange noch Zeit ist und zu Gott fliehe, zum "Glauben und Hoffen zu ihm"! Das herrliche Erlebnis neulich, als wir meinten, den Atem Gottes zu spüren; die Genesung nach der schrecklichen Krankheit; die schlimme Sache, die so glücklich ausging, der wunderbare Plan, nach dem mein Leben verläuft... Begreifen wir denn nicht, was Gott uns damit sagen will???