Predigt am 2. Sonntag nach Epiphanias - 16.1.2000

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: 1. Kor. 2, 1 - 10

Auch ich, liebe Brüder, als ich zu euch kam, kam ich nicht mit hohen Worten und hoher Weisheit, euch das Geheimnis Gottes zu verkündigen. Denn ich hielt es für richtig, unter euch nichts zu wissen als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten. Und ich war bei euch in Schwachheit und in Furcht und mit großem Zittern; und mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft. Wovon wir aber reden, das ist dennoch Weisheit bei den Vollkommenen; nicht eine Weisheit dieser Welt, auch nicht der Herrscher dieser Welt, die vergehen. Sondern wir reden von der Weisheit Gottes, die im Geheimnis verborgen ist, die Gott vorherbestimmt hat vor aller Zeit zu unserer Herrlichkeit, die keiner von den Herrschern dieser Welt erkannt hat; denn wenn sie die erkannt hätten, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. Sondern es ist gekommen, wie geschrieben steht (Jesaja 64,3): "Was kein Auge gesehen hat und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist, was Gott bereitet hat denen, die ihn lieben." Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit.

Liebe Gemeinde,

worüber wollen wir vor dem Hintergrund dieser Worte nachdenken? Da gäbe es gleich einige Gedanken: Die göttliche Weisheit und die Weisheit der Menschen. Die Schwachheit und die Kraft. Das Geheimnis und die Vorherbestimmung. Die Herrlichkeit Gottes und die Dummheit der Herrscher dieser Welt. Der menschliche Geist und die Offenbarung... Was interessiert uns daran am meisten? Wäre vielleicht eines dieser Themen für uns besonders wichtig?

Ich will es ganz offen sagen. Ich habe danach entschieden, was mir am wichtigsten erschien. Was soll man denn auch anderes machen? Allem und jedem kann ich ja nicht gerecht werden. Alles, was in diesen Worten angesprochen wird, kann ich nicht predigen. - Hier ist mein Thema: "...mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft."

Wenn sie "meine Predigt" hören, wird ihnen gewiß zuerst Paulus in den Sinn kommen, seine Aufgabe als Apostel, als Missionar der Heiden. Und vielleicht werden ihnen diese Worte fern sein und fremd und sie denken, da bin doch nicht ich gemeint. Oder sie hören "meine Predigt" als eine Bemerkung von mir, dem "Prediger" dieses Gottesdienstes am heutigen Sonntag. - Ich habe es anders verstanden. "Mein Wort und meine Predigt" - lassen sie uns dabei einen Augenblick an uns alle denken, jede und jeder an sich selbst. Was könnte da gemeint sein?

Neulich hat die Mutter eines 20jährigen Sohnes gesagt: "Ich predige ihm jeden Samstagabend: Komm doch wieder mal mit in die Kirche! Es ist nichts zu machen. Er kriegt am Sonntagmorgen einfach die Kurve nicht. Außerdem sagt er, seine Freunde würden doch auch nicht gehen und er schafft das nicht, allein..."

Ein Mann erzählt von seinem Nachbarn: "Wie oft habe ich den schon angesprochen! Daß es doch schön ist, auch eine Gemeinde zu haben. Daß er doch auch mal irgendeinen Gebrauch davon machen soll, daß er Mitglied in der Kirche ist. Vom Bibelkreis habe ich ihm berichtet. Wie oft mir das schon geholfen hat, was da behandelt wird. Er winkt immer wieder ab. Das wäre nichts für ihn. Er zahle immerhin Kirchensteuer, ob das denn nicht genug wäre. So viele andere brächten es ja nicht einmal dazu!"

Eine Frau sagt über ihren Partner: "Was mir das wehtut! Seit über 20 Jahren sind wir jetzt verheiratet, aber über Glaubensfragen kann ich mit ihm einfach nicht reden. Schon wenn es um unser Alter geht, blockt er ab. Und so Dinge wie "Sinn des Lebens", "Gott" oder gar das "Sterben" darf ich überhaupt nicht ansprechen. Das ist für ihn alles "frommer Kram". Dafür hätte er keine Antenne. Das liege an seiner Erziehung, sagt er. Die wäre halt einfach anders gewesen als meine. Vielleicht stimmt das ja, aber muß man über so wichtige Themen nicht einfach reden! Und besonders dann, wenn man einen Menschen doch liebhat!"

Ich glaube, liebe Gemeinde, hier könnten viele von uns eine ganz persönliche Geschichte ergänzen. Welche Erfahrungen wir mit "Wort und Predigt" gemacht haben. Daß wir mit unseren gut gemeinten Einladungen nicht angekommen sind. Wo unsere Worte über den Glauben, über Gott, die Gemeinde oder unsere Kirche auf wenig fruchtbaren Boden gefallen sind. Und wie uns das schmerzt und welche Fragen und Zweifel das in uns aufruft: Warum segnet Gott meine Mühe um seine Sache an unseren Nächsten so wenig? Was kann ich denn noch tun, daß sie begreifen, wie wichtig der Glaube an Gott und Jesus Christus auch für sie wäre? Warum macht er nicht, daß mein Sohn, mein Mann, meine Mutter, mein Nachbar endlich hört?

Wir wollen zuerst einmal genau hinhören: "...mein Wort und meine Predigt geschahen nicht mit überredenden Worten menschlicher Weisheit, sondern in Erweisung des Geistes und der Kraft, damit euer Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft."

Liebe Gemeinde, es geht nicht um unsere "Weisheit". Es wird nicht von uns verlangt, daß wir brillant oder überzeugend reden können oder uns geschickt anstellen, wenn wir vor unsere Mitmenschen treten. Wir sollen sie nicht "überreden" oder beeindrucken mit dem, was wir sagen und wie wir es sagen. Es geht um Gottes Kraft und um seinen Geist - und den wird er selbst erweisen. Aber was heißt das?

Das heißt, daß wir entlastet sind von dem Druck, wir müßten immer wieder oder doch wenigstens immer wieder einmal einen Versuch machen. Daß wir unseren Sohn doch mit in die Kirche kriegen. Oder daß der Nachbar mal zum Bibelkreis mitgeht. Oder daß unser Partner endlich seinen Widerstand aufgibt und mit uns über Gott und den Lebenssinn spricht. - Gott braucht uns nicht dazu! Er arbeitet selbst an den Menschen. Er zeigt ihnen seine Kraft. Er läßt sie seinen Willen hören und bringt sein Wort bis in ihr Herz. Ob sie also von Gott angesprochen und angerührt werden, ist nicht unsere Sache. Daß sie zum Glauben finden oder vielleicht ihr Leben lang ohne Vertrauen zu Gott bleiben, liegt nicht in unserer Verantwortung. Das heißt sicher nicht, daß es nicht wehtut, wenn uns kein gemeinsamer Glaube in der Ehe oder Familie trägt. Und das soll nicht sagen, daß es nicht schön wäre, wenn in unserer Kirche alle auch eingebunden wären in das Leben, die Arbeit und den Glauben der Gemeinde. Aber das ist nicht unsere Aufgabe. Es ist unserem Bemühen entzogen. Wir können es mit der größten Anstrengung nicht erreichen. Gott aber kann es! Und darum allein geht es. Er erweist seinen Geist und seine Kraft! Und er tut das auch!

Wie die Mutter von ihrem Sohn erzählen muß, daß er sich nicht bewegen läßt, einmal mit zum Gottesdienst zu kommen, so könnte eine andere davon berichten, daß ihre Tochter vielleicht - nach jahrelanger Ablehnung der Kirche und ihrer Sache - auf einmal wieder den Kontakt zur Gemeinde aufgenommen hat. Und wie einer von seinem Nachbarn sagen muß, daß der sich nicht bewegen lassen will, bei irgendetwas in der Kirche am Ort mitzutun, so kann ein anderer doch nur staunen: Er erlebt in seiner Nachbarschaft, daß ein Mann, der seit seiner Kindheit keine Beziehung zum Gottesdienst hatte, weit nach der Lebensmitte zum regelmäßigen Kirchgänger wird. Und wo einer von seinem Partner heute sagen muß, er will von Glaubensdingen nichts wissen, da erlebt ein anderer ganz plötzlich den Sinneswandel seines Lebensgefährten - und er könnte nicht sagen, woher das kam. - Noch einmal: Es geht nicht um unser Wort und unsere Predigt, nicht um unser Bemühen, unsere Überzeugungskraft oder gar unsere Weisheit. Es hängt alles an Gottes Willen, seiner Kraft und seinem Geist. Wenn er es nicht macht, dann kann es nicht geschehen. Und umgekehrt: Wenn er es will, dann wird er es vollbringen.

Was bleibt dann aber für uns zu tun?

Wir sollen mit jedem unserer Tage - und mehr als bisher! - dafür einstehen, daß es wunderbar ist und beglückend, von Gott zu wissen, an ihn zu glauben und mit ihm zu arbeiten und zu leben. Und wir sollen das frei von allen Gedanken tun, wir müßten irgendjemand für Gott gewinnen oder begeistern. Und wir sollen - mehr als bisher! - etwas von dem Glanz auf unserem Gesicht haben, der von daher rührt, daß wir im Leben und im Sterben gehalten sind und durch Jesus Christus wissen, woher wir kommen und wohin wir gehen. Und dabei brauchen wir nicht daran zu denken, daß wir damit für Gottes Sache werben oder einen anderen Menschen für ihn einnehmen müßten. Und schließlich sollen - oder sagen wir besser: dürfen - wir von der Freude reden, die uns das schenkt: Einen Herrn zu haben, der uns führt und trägt und schützt und unseren Tagen Erfüllung und Sinn und unserem Leben ein Ziel gibt. Und dabei können wir Vertrauen haben, daß dieser Herr auch mit unseren Mitmenschen seine ganz eigene Geschichte hat, daß er auch sie anspricht zur richtigen Stunde und auch ihnen den Glauben und Vertrauen ins Herz senken wird, wenn die Zeit dazu gekommen ist.

Und noch eines sollen, dürfen und wollen wir tun - und es ist nicht das geringste: Für die Mitmenschen beten, für sie eintreten vor Gott und ihrer oft und immer wieder fürbittend gedenken.

Das alles wollen wir vor der Welt und den Menschen tun. Es soll uns dabei nicht der kleinste Gedanke daran beschweren, wir hätten hier eine Aufgabe, die wir unbedingt erfüllen müßten oder gar, Gott lege uns die Last der Bekehrung eines Nächsten auf oder daß wir die Mitmenschen überzeugen oder gewinnen sollen. Es ist ein für allemal nicht unser Wort und unsere Predigt! Es geht nicht um menschliche Weisheit, sondern um die Erweisung des Geistes und der Kraft, damit der Glaube nicht stehe auf Menschenweisheit, sondern auf Gottes Kraft.

Haben wir Vertrauen. Gott allein kann es tun - und er tut es auch! AMEN