Predigt über die Jahreslosung 2000 - 1. oder 2.1.2000

(weitere Predigten und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Jahreslosung 2000:

Gott spricht: Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen. Jer. 29,13f

Liebe Gemeinde!

Wir können uns gar nicht wehren, dieses Wort kommt uns nah! Da sind wir gemeint, ganz persönlich. Und wir sind gefragt: Suchst du Gott noch in deinem Leben? Oder hast du ihn gefunden? Hast du die Suche vielleicht lange schon aufgegeben oder machst du dir - wenn du ehrlich bist - darüber nur noch wenig Gedanken? Wie auch immer wir antworten, dieser Vers wird uns durch das heute beginnende Jahr begleiten. Er wird uns immer wieder begegnen, denn er ist die Losung, ausgerufen über diesem Jahr 2000 mit seinen 12 Monaten und 366 Tagen. Und diese Losung wird ihre Fragen immer wieder neu stellen - und das ist vielleicht auch gut so! Denn geht es in unserem Leben überhaupt um etwas anderes als das: Gott suchen und - hoffentlich! - finden? - Darum denken wir den Fragen, die dieses Wort stellt, noch ein wenig nach:

Suchen wir nach Gott? - Mir ist dazu eingefallen, wie viele Geschichten es doch aus alter und älterer Zeit dazu gibt, daß Menschen sich aufmachen, Gott zu suchen. Die Geschichte von den zwei Mönchen fiel mir ein, die bis ans Ende der Welt gehen, wo eine Tür sein soll, die zu Gott führt... Als sie diese Tür gefunden haben und öffnen, da stehen sie wieder daheim in ihrer Klosterzelle. An die Legende von Christophorus habe ich mich erinnert, der mit seinen gewaltigen Körperkräften Gott dienen wollte und ihm dann in einem kleinen Kind begegnet, das er auf seinem Rücken über den Fluß trägt... Und die Erzählung von dem kleinen Mädchen kam mir in den Sinn, das sich zu Gott nach Bethlehem aufmachen wollte... Im Nachbarhaus, schräg über die Straße, in der ärmlichen Kammer einer alten, einsamen Frau, fand es schließlich Gott. Und noch manche andere Geschichte fiel mir ein. Nur: Es war keine einzige dabei, die wirklich heute - mitten in unserem Leben - spielt, mitten in unserer Zeit, wie sie wirklich ist - immer nur sind es Geschichten und Märchen, nicht aus unseren Tagen, nicht aus unserer Welt. Ob das ein Zufall ist? Ob wir daran erkennen können, daß unsere Zeit und die Menschen heute, nicht (mehr) oder nur selten nach Gott suchen? Und woran könnte das nur liegen?

Ob das mit den tausend Dingen zu tun hat, die wir heute haben, die unsere Zimmer, Regale und oft genug auch die Herzen und Gedanken füllen? Wie sollen wir uns denn auf Gott konzentrieren können, wenn die Arbeit uns immer mehr fordert, unsere Freizeit voll ist von Angeboten und Möglichkeiten, was wir machen und wohin wir gehen und fahren können! Gewiß fiel das unseren Großeltern noch leichter, sich auf Gott und seine Sache einzustellen. Damals war ja etwa der Gottesdienst am Sonntag noch eine Gelegenheit, einfach einmal etwas anderes zu sehen und zu hören, eine Zerstreuung sozusagen, eine willkommene Abwechslung im oft eintönigen und harten Alltag. Man kann das sicher verstehen, daß es Gott und sein Wort in früheren Zeiten leichter hatte, zu den Menschen vorzudringen. Andererseits: Wäre es nicht gerade heute nur um so wichtiger, daß wir in Gott und seinem Willen eine Orientierung für unser so kompliziertes und verwirrend vielfältiges Leben hätten?

Und wo suchen wir Gott - wenn wir das schon einmal tun? - Wohl kaum im Nachbarhaus. Sicher auch nicht gleich am Ende der Welt, aber doch auch nicht da, wo wir leben, sondern....in der Kirche oder in den persönlichen Herrgottswinkeln unseres Lebens und meist bei ganz besonderen, außergewöhnlichen Anlässen. An den Festtagen z.B., oder - so wie heute - beim Jahreswechsel, und besonders, wenn so eine fast magische Zahl wie die "2000" mehr als sonst unsere Aufmerksamkeit und vielleicht unsere Befürchtungen auf sich zieht. Und dann bei Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, Jubiläen unserer Ehe oder des Vereins, an hohen, runden Geburtstagen und schließlich beim Abschied von einem Menschen, der aus diesem Leben gegangen ist.

Wo wir aber nicht suchen oder doch kaum, das ist unser Alltag, dort, wo wir die meiste Zeit verbringen, in unserem Haus, unserer Wohnung, unseren Beziehungen zu den Menschen, den Angehörigen, den Nachbarn... Dabei wissen wir es doch oder ahnen es wenigstens: Da wäre Gott zu finden! Da ist er, denn da muß er sein! Er ist doch - als er in Jesus Christus in unser Menschenleben eingegangen ist - auch nicht irgendwo am Rand oder gar außerhalb der Welt Fleisch geworden, sondern mittendrin! Und er hat sich doch schon gar nicht eine Kirche oder einen Tempel für seine Geburt ausgesucht, sondern einen Viehstall, einen Ort also, der für die Hirten damals ganz eng mit dem Alltag und der Arbeit verbunden war, der nichts Besonderes, nichts Erhabenes oder gar Heiliges an sich hatte, sondern eben für sie der alltäglichste, "gewöhnlichste" Ort war, und ein Platz, mitten in ihrem Leben, ihrer Gemeinschaft und ihren Verhältnissen zueinander!

Wenn wir das also tun wollen, Gott von ganzem Herzen suchen, dann sollten wir mitten im Leben mit dieser Suche beginnen, in unserm Alltag, dort wo wir und die Menschen sind, die zu uns gehören und denen wir begegnen. Dort - zuallererst! - werden wir Gott finden.

Das wird gewiß nicht leicht werden! Es gibt viel, was uns ablenkt und unsere Gedanken zerstreut und die Augen blendet und unsere Ohren taub macht. Deshalb wohl heißt es auch hier: ...von ganzem Herzen! Wir müssen es wirklich wollen! Da muß eine große Sehnsucht in uns sein, ein starker Wille auch, daß wir uns nicht mehr länger mit Ersatz abspeisen lassen, nicht mehr betäuben lassen von rührseligen Melodien und künstlichem Glanz, von gemachten Gefühlen und einer durch Flitter erzeugten Feierlichkeit. Von ganzem Herzen Gott suchen... Dieses Suchen muß geradezu wehtun! Wir müssen unseren Mangel bis zum heutigen Tag ganz tief in unserer Seele fühlen. Das muß schmerzen, wie eine Wunde. Und wir dürfen nicht gleich wieder aufgeben - dann kommt unsere Suche zum Ziel, ganz gewiß!

Aber noch einmal: Wo werden wir Gott finden? - Vielleicht ganz nah...in unserer Beziehung zu unserem Lebenspartner oder denen, die mit uns im Haus leben. Denn ist es nicht schon recht kalt geworden zwischen uns, und wir haben es gar nicht bemerkt? Aber ganz ehrlich: Wann hat unsre Tochter zum letzten Mal ein Wort von uns hören können, das mehr war als "Guten Morgen" oder eine Belanglosigkeit oder gar eine Frage, in der eigentlich nur Mißbilligung lag? Wann zuletzt konnte unser Mann, unsere Frau einer Äußerung von uns entnehmen, daß wir ihn oder sie immer noch liebhaben? Wie oft werden doch über Tag in unseren engsten Gemeinschaften nur noch Sätze ausgetauscht, die halt unbedingt sein müssen - ansonsten aber schweigen wir uns an?!

Aber genau da ließe sich Gott finden! Es braucht nur soviel Aufmerksamkeit, daß wir die kleinen täglichen Gelegenheiten zur Liebe erkennen und ergreifen: Man kann an den "Guten-Morgen"-Gruß auch ein nettes Wort anhängen. "Hast du denn gut geschlafen?" Oder: "Hübsch siehst du heute aus!" Oder auch: "Ich wünsche dir einen ganz schönen Tag!" Und wir könnten doch wieder einmal die Hand unseres Partners ergreifen und sie nicht gleich wieder loslassen - wie wird der staunen, aber wie wird der sich auch freuen! Und warum fragen wir unsere Kinder, unseren Vater oder die Großmutter nicht einmal, wie sie zu diesem oder jenem denken und was sie tun würden, wenn sie entscheiden müßten, was uns selbst gerade beschäftigt? Auch hier wäre erst gewiß ein großes Verwundern - aber dabei bliebe es nicht! Alles das kommt auch zurück. Was wir aus Liebe tun, das wird auch uns wieder getan. Und - ja - ich glaube, da haben wir Gott gefunden, etwas von ihm jedenfalls - und nicht das geringste!

Und das läßt sich auch ausdehnen auf alle, die uns den Tag über begegnen. Sicher wird es unserem Nachbarn gegenüber anders sein, als im Verhältnis zu denen, die unter demselben Dach mit uns wohnen. Aber auch hier kann die Liebe Gottes die Beziehungen erwärmen! Aus einem bloßen Gruß hin und her können ein paar Minuten des Gesprächs werden, in denen wir uns gegenseitig vergewissern, daß wir mehr sind als Leute, die halt in derselben Straße leben. Und wenn wir uns einmal erkundigen, wie es denn der Mutter geht oder was der Sohn jetzt so im Studium macht, dann werden wir von Nachbarn, die zufällig Tür an Tür wohnen, ganz schnell zu Freunden, die einer am anderen Anteil nehmen. - Und das beste an diesen kleinen Zeichen der Liebe, der Zuneigung und des Interesses ist vielleicht, daß sie gar nicht viel kosten: Weder viel Zeit, noch viel Aufwand und Kraft. Aber wie wertvoll ist das, was hier zwischen uns entsteht! Ich glaube fest, das ist Gott, ein ganzes Stück von ihm, das da unter uns wächst und - wenn wir es wollen! - seine gute Macht entfaltet.

Aber es gibt noch ganz andere Möglichkeiten, Gott heute im alltäglichen Leben zur Geltung zu bringen - und gerade am Beginn eines neuen Jahres sollten wir davon sprechen: Wir können jeden Tag ein Gotteswort zu uns sprechen lassen, die Tageslosung oder die kleine Andacht aus einem Kalender lesen, beim Frühstück vielleicht, oder wenn uns das besser in unseren Tageslauf paßt, auch am Abend. Und vielleicht machen unsere Hausgenossen ja mit dabei. Wir müßten halt einmal fragen.

Wie von selbst wird das Leben so ein wenig innerlicher, tiefer. Wir kommen mit den wesentlichen Fragen in Berührung, mit dem Woher und Wohin und dem Wozu unseres Lebens. Und vielleicht finden wir bei unseren Leuten sogar Gesprächspartner, die sich mit uns darüber austauschen?

Schließlich können wir auch noch im Gebet mit Gott in Kontakt kommen und bleiben. Und auch das macht so wenig Mühe und ist immer und überall möglich! Aber wie groß ist die Hilfe, die daraus entsteht, der Trost, der sich von daher über uns breitet, der Mut, der uns stark macht und die Freude, die uns erfüllt!?

Gewiß können wir Gott auch in den Gottesdiensten finden, die wir in unserer Gemeinde jeden Sonntag feiern, auch in den Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten, Jubiläen unserer Ehe oder des Vereins, bei hohen, runden Geburtstagen und wenn wir von Menschen Abschied nehmen müssen. Aber wie gesagt, daß er dort ist, haben wir von Gott ja auch schon immer gewußt! Darüber müssen wir heute gar nicht sprechen. Ich möchte sie vielmehr an die alltäglichen Orte und Gelegenheiten weisen, an denen Gott wohnt und - da bin ich sicher! - schon wartet, daß wir ihn entdecken!

Gott spricht: Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen.

Dieses Wort kommt uns heute nah! Wir sind gemeint, ganz persönlich. Wir sind gefragt: Suchst du Gott noch in deinem Leben? Oder hast du ihn gefunden? Hast du die Suche vielleicht lange schon aufgegeben oder machst du dir - wenn du ehrlich bist - darüber nur noch wenig Gedanken?

Wie auch immer wir antworten, dieser Vers wird uns durch das heute beginnende Jahr begleiten, denn er ist die Losung, ausgerufen über diesem Jahr 2000 mit seinen 12 Monaten und 366 Tagen. Und diese Losung wird ihre Fragen immer wieder neu stellen - und das ist gut so!

Ich wünsche uns, daß wir Antwort finden und Gott selbst auch - mitten in unserem Leben, mitten in unserem Alltag. AMEN