Predigt zum Altjahrsabend - 31.12.1999

(weitere Predigten und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Liebe Gemeinde!

Wer heute in die Kirche gekommen ist, der hat gewiß nicht zuerst fröhliche Gedanken. Uns ist wohl eher bang zumute oder traurig, wir sind beschäftigt mit den schweren Erfahrungen des zuende gehenden Jahres, und wir fürchten uns, was wohl das nächste bringen wird? Einige von uns haben Abschied von einem lieben Menschen nehmen müssen. Anderen ist beruflich oder persönlich viel kaputtgegangen. Wieder andere kämpfen mit einer Krankheit oder mit den Beschwerden des Alters, die immer belastender werden. Und selbst wo wir von alledem verschont geblieben sind, schauen wir doch ängstlich und ohne viel Hoffnung in die Zukunft.

Wir fragen uns: Ob das neue Jahr für uns gut, vielleicht besser wird? Glücklicher? Ob es eine Wende unseres Schicksals bedeutet, das Ende unserer Sorgen, unserer Krankheit? Ob wir noch tiefer hinunter müssen oder ob es aufwärts geht? Ob wir wieder neu oder auch zum ersten Mal Ziele finden werden, für die es sich zu leben lohnt? - Wir wissen es nicht. Gott weiß es.

Wer heute in die Kirche gekommen ist, der will diesen Gedanken, dieser Bangigkeit und den gespannten Erwartungen aber nicht zuerst so begegnen, wie es die meisten Menschen unserer Tage tun: Mit Alkohol, mit Böllern und viel Lärm oder gar mit Zinngießen, das uns einen Blick in die Zukunft eröffnen soll und doch nur für die Phantasie derer spricht, die es praktizieren.

Wir, die jetzt hier zum Gottesdienst zusammen sind, möchten ein gutes Wort hören. Wir wünschen uns eine Weisung, vielleicht eine Verheißung, die uns Mut gibt, und wir erbitten uns heute Gottes Segen für den Schritt über die Schwelle zum Neuen und für den Weg durch das kommende Jahr.

Und ich freue mich, daß ich heute solch ein Wort weitersagen darf, das dies alles ist: Weisung, Verheißung und Segen. Hören wir auf dieses Wort:

Textlesung: 2. Mose 13, 20 - 22

So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Liebe Gemeinde, wie immer wollen wir das Bild, das uns diese drei Verse malen, ein wenig genauer, tiefer betrachten. Gewiß werden wir nun nicht nach der Wolke ausschauen, die uns am Tag begleitet und auch nicht nach dem Feuer, das uns die Nacht erhellt. Das ist vielmehr wie bei so vielen anderen Worten der Heiligen Schrift: Wenn wir etwa sagen, wir gehen wie die Hirten zum Stall und treten an die Krippe Jesu, dann werden wir nicht ins heilige Land fahren, um dort in der Geburtskirche in Bethlehem anzubeten. Wir meinen dann, daß wir uns die Gedanken machen, die zum Geschehen um die Geburt unseres Herrn passen. Wir bedenken, daß er arm wurde wie wir, daß er für uns Mensch, ja, Kind geworden ist, um nicht mehr zu sein, nicht höher, nicht erhabener als wir. Daß er sich hilflos und ohnmächtig uns Menschen ausliefert, um uns zu zeigen, wie lieb er uns hat und wieviel er uns zutraut..

Oder wenn wir in der Passionszeit sagen, wir legen uns sein Kreuz auf, dann werden wir uns auch nicht ein solches zimmern. Dann wollen wir uns einmal in der Buße üben, dann werden wir in den sieben Passionswochen vielleicht auf Luxus und Annehmlichkeiten verzichten, die wir sonst immer genießen. Dann gehen wir mehr als sonst in uns, daß wir unsere Schuld, unsere Sünde wahrnehmen, die Jesus sich mit seinem Kreuz auf seine Schultern nimmt und so wegträgt.

So wollen wir auch hier genau hinsehen und bedenken, was dieses Bild eigentlich meint: Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten...

Was bleibt übrig, wenn wir das Bild in seiner Tiefe anschauen und für uns deuten? Nicht wenig!: Gott selbst ist immer bei uns, sagt uns das Bild. Es gibt keinen Tag, an dem er uns alleinläßt. Es fällt keine Nacht, in der wir einsam wären und von ihm verlassen. Und er zeigt uns auch, wie wir gehen sollen. Er macht sich bemerkbar, wenn wir an einer Weggabelung stehen. Er gibt die Richtung an, wohin wir uns dann wenden sollen. Beim einen mag das ein Wort sein, das ihm dann einfällt und ihm ganz klar werden läßt: Du mußt jetzt hier entlang! Bei einer anderen entsteht vielleicht während eines Gebets das sichere Wissen, was Gott jetzt von ihr haben will. Wieder ein anderer ist schon ein paar Schritte in die eine Richtung gegangen und spürt auf einmal ganz deutlich: Ich muß zurück, hier verlaufe ich mich, ich soll umkehren und einen anderen Weg wählen!

Und noch etwas erkennen wir in diesem Bild: Und der HERR zog vor ihnen her... Das ist vielleicht ja gerade heute abend ein wichtiger Hinweis! Wie oft, wie sehr schauen wir doch zurück! Wie hängt uns doch an, was wir in diesen vergangenen 12 Monaten oder längst davor erlebt und erfahren haben: Von dem her, was wir leiden mußten, rührt doch jetzt unsere bösen Erwartung. Aus dem, was uns widerfahren ist, kommen doch heute unsere Sorgen. Durch alles, was uns an Schwerem begegnet, nährt sich doch jetzt unsere Angst vor der Zukunft. Aber wir sehen in die falsche Richtung!

Und der HERR zog vor ihnen her... Laßt uns nach vorn schauen, heißt das! Das Vergangene soll uns nicht mehr halten! Alles kann anders werden. Wir haben einen Gott, der nicht nur das Gestern und das Heute in der Hand hält, sondern auch das Morgen! Und dieser Gott kann aus dem Bösen Gutes werden lassen. Er kann aus Sorgen Lachen machen und aus den dunklen Befürchtungen helle Freude! Und er will das auch tun!

Und der HERR zog vor ihnen her...damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Noch mehr liegt in diesem Bild: ...damit sie Tag und Nacht wandern konnten... Über all unserer Zeit und allen unseren Wegen liegt die Weisung und das Licht Gottes! - Wie teilen wir doch so gern auf: Diese Zeit ist meine Arbeit, da ist meine Freizeit und hier - vielleicht am Sonntag hie und da - gehöre ich Gott. Und: Dieser Weg hat mit meiner Stellung im Beruf, mit meiner Karriere zu tun. Hier geht es um meinen Verein. Das betrifft mich persönlich und jenes meine Familie. Und dann gibt es die Tage, da machen wir uns andere, höhere Gedanken, vielleicht über die Weihnachtstage, wenn unser Kind getauft oder konfirmiert wird, oder wenn es Abschied nehmen heißt. ...damit sie Tag und Nacht wandern konnten... Gottes Anspruch gilt für all unsere Zeit. Über jedem unserer Wege steht seine Weisung und sein Wille. Aber sein Licht liegt auch über jeder Stunde und jedem Augenblick und über allen Pfaden die wir gehen.

Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Liebe Gemeinde am Abend eines alt gewordenen Jahres!

Wir wollen uns von allem Dunklen, das wir in den letzten Monaten und in unserem Leben bisher erfahren mußten, nicht festhalten lassen. Wir wollen nicht starr und ohne Hoffnung auf das blicken, was war, was uns geängstet und bedrückt und uns den Mut genommen hat. Wir wollen nach vorn schauen: Gott selbst zieht uns voran über die Schwelle des neuen Jahres in dieser Nacht und an jedem Tag, den wir erleben sollen. Gott weiß den Weg für uns. Gott hat einen Plan für uns und ein Ziel. Er will nicht, daß wir traurig sind, nicht daß wir leiden und nicht, daß wir uns in Ängsten verzehren. Er will, daß wir uns an und in seiner Nähe freuen. Er selbst ist bei uns in jeder Minute. Alle unsere Wege sind behütet von seiner Güte. - Wohl sind wir frei, diesen oder jenen Weg zu gehen. Aber er stellt doch seine sichtbaren Zeichen an jeden unserer Pfade. Laßt uns darauf achten!

Und laßt uns aufhören damit, unser Leben in Zeiten einzuteilen, die Gott gehören und solche, die ihn nichts angehen. Gerade die Gedanken in einem zuende gehenden Jahr zeigen uns doch, wie sehr eigentlich alles, was wir empfinden und was unser Herz bewegt zu tun hat mit Gott, mit Geborgensein bei ihm oder dem Gefühl, ihn verloren zu haben.

Noch einmal: Gott will bei uns sein. In jedem Augenblick. Er zieht uns voran und läßt uns nicht allein. So können wir bei Tag und Nacht sichere Schritte tun. Das will uns dieses Bild sagen, wenn wir es in seiner Tiefe anschauen: Und der HERR zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.