Predigt am Heiligen Abend - 24.12.1999

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(Die Predigt eignet sich für eine Christvesper oder Christmette mit Erwachsenen und auch für den 1. oder 2. Christtag)
Eine weitere neue Predigt für die Christmette (mit einer kleinen Aktion verbunden) finden Sie auf unseren Seiten:
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unter "Christnacht"!

Textlesung - zur Einstimmung: Jes. 9,1-6

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, daß er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.

Liebe Gemeinde!

"Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell."

Ich habe mich über diesen Worten vom großen Licht und von unserer Finsternis an etwas aus den vergangenen Vorweihnachtstagen erinnert... Und ist ihnen das nicht auch aufgefallen in der Zeit auf Weihnachten hin?: Wieviel Licht, Glühlampen und -birnchen doch wieder aufgewendet worden sind, um es schon ab Totensonntag heller vor den Häusern und in den Fenstern zu machen. Ich meine sogar, beobachtet zu haben, daß sich in diesem Jahr selbst die gleißendsten Fassaden noch kurz vor dem Fest gesteigert haben: Hier ging ein glitzernder Weihnachtsstern auf, dort wurde noch ein grün-blinkender Christbaum befestigt - und der Gipfel war: Ein Schlittengespann mit Rentieren - alles von ihnen beleuchtet!

Nein, ich will nicht über Geschmack reden. Darüber kann man sich bekanntlich streiten. Auch die Stromkosten bzw. die -verschwendung ist nicht mein Thema heute. Mir hat zu denken gegeben, wie sehr sich unsere Bräuche und was wir so vor Weihnachten an glänzendem, strahlendem Aufwand treiben, von dem eigentlichen Anlaß unseres Feierns entfernt haben. Ich glaube, darüber lohnt es sich, einmal nachzudenken. Mir ist dazu eine Geschichte wieder eingefallen, die mir vor Jahren einmal erzählt wurde. Ich erzähle sie Ihnen heute morgen weiter:

Die Geschichte handelt von Heinrich. Heinrich lebt in einem oberhessischen Dorf nicht weit von hier. Die 78 Jahre seines Lebens hat er eigentlich nie von sich reden gemacht, weder im guten noch im schlechten Sinn. Die Nachbarn, wenn man sie fragte, wüßten über ihn wohl wenig Außergewöhnliches oder auch nur Interessantes zu berichten - vielleicht nur, daß er ein wenig mürrisch und wortkarg ist, aber das sind andere ältere Leute auch... Einmal freilich war er doch Ortsgespräch. Das ist jetzt gerade fünf Jahre her:

Da fanden sich im Dorf in den Wochen vor Weihnachten ein paar Jungen und Mädchen zusammen und begannen ein Krippenspiel zu üben. Über die Verteilung der Rollen wurde man bald einig, nur fand sich keiner, der den bösen Wirt spielen wollte. (Sie wissen, der Herbergsbesitzer, der Maria und Josef in den Stall schickt.) Endlich fanden die jungen Leute doch einen, eben den Heinrich, und der schien ihnen von Gestalt und Art gerade so, wie sie sich einen widerborstigen Wirt vorstellten. Niemand hatte es vorher geglaubt, aber Heinrich sagte zu. Und nicht nur das, er wurde gar von Probe zu Probe munterer...und, um der Wahrheit die Ehre zu geben, er wurde sogar zu munter. Die Geschichte, die gespielt werden sollte, deren Inhalt ja hinlänglich bekannt ist, geriet darüber bedenklich ins Wanken. Zwar gelang es Heinrich nicht, der Herberge ein freies Zimmer für Maria und Josef anzubauen, wie er es am liebsten getan hätte, doch begann er nach und nach den Stall derart sauber und freundlich herzurichten, daß die anderen Spieler ihre eingeübten Reden gegen den bösen Wirt, wie sie im Textbuch standen, einfach nicht mehr anbringen konnten. Der mürrische Alte verwandelte sich im Verlaufe der Proben in einen Menschen, der mit heiligem Eifer versuchte, das Unrecht wiedergutzumachen, das in Bethlehem von einem Wirt begangen worden war. Jedenfalls wurde die Sache immer schwieriger. Von Mal zu Mal kam Heinrich mit neuen Utensilien auf die Bühne und gestaltete mit ihnen den Stall wohnlicher und behaglicher, und jedesmal schimpften die anderen Mitspieler, aber sie mußten schließlich nachgeben, denn Heinrich drohte, nicht mehr mitzumachen, wenn der Stall nicht nach seinen Wünschen eingerichtet würde. Bald gab es einen Herd, ein fast neues Waschbecken, einen Krug mit Wein und ein knusprig gebranntes rundes Brot. Beides lag nicht mehr auf dem lehmigen Boden, sondern auf einem kleinen Tisch, über den der Alte ein sauber gewaschenes weißes Tuch gebreitet hatte. Das Strohlager der Maria hatte sich in ein geradezu vornehmes Bett mit Daunenfedern verwandelt und auch der Krippe sah man immer weniger ihre eigentliche Bestimmung an. Zuletzt wurde sie zu einer wunderschönen Wiege, die auch in ihrer äußeren Form nicht mehr an eine Stallkrippe erinnerte. So kam, was kommen mußte: Ein handfester Krach zwischen den jüngeren Spielern und dem Alten. Der fackelte nicht lange, sondern machte seine Drohung wahr, lud alles auf seinen Leiterwagen und fuhr heim. Zurück blieb nun wieder ein richtiger Stall, das Spiel aber mußte ausfallen.
Liebe Gemeinde, dieser Heinrich ist wie wir, finde ich. Er möchte die ganze harte Wirklichkeit der heiligen Nacht nicht wahrhaben. Aus der Tragödie von Bethlehem macht er ein Rührstück in gut bürgerlicher Umgebung. Er meint's ja gut... Weil nicht sein kann, was nicht sein darf... Und kann man das denn fassen: Dieser bösartige Herbergswirt, der die Eltern des Gotteskindes in einen Stall schickt...ungeheuerlich! Also: Wenn's schon ein Stall war, dann aber bitte ein schöner, ein wohnlicher, ein Verschlag mit Komfort sozusagen. Man kann bei allem, was Heinrich sich einfallen läßt, geradezu sein frommes Gewissen schlagen hören... Denken wir einmal: Ein reisendes Ehepaar an unserer Tür, sie hochschwanger: "Bitte eine Unterkunft." Und wir: "Ab in den Stall!" oder: "Im Holzschuppen mögt ihr bleiben!" Wer könnte so sein?

Heinrich ist wie wir, sagte ich. Er kann das Geschehen von Bethlehem nicht aushalten. Oder kannst du das wirklich zusammendenken: Hier die Herrlichkeit der Geburt des Gottessohns, dort ein Vieh- trog, in den man dieses Kind legt... Hier die Nachricht vom König der Könige, vom Retter, vom Heiland und dort ein Stall als Quartier und in Hintergrund Ochs und Esel - nicht so wie auf den Bildern, so wie lammfromme Steifftiere, sondern wütend schnaubend und unruhig stampfend, denn sie teilen ihr Stroh nicht gern mit fremden Menschen... Oder wie paßt das zusammen: Dein Erlöser wird geboren, Engelsgesang in der Luft: "Friede auf Erden..." und kaum eine Stunde ist's her, daß man einer Frau vor der Niederkunft das Haus verbot, und kaum eine Nacht wird vergehen, da müssen sie wieder aufbrechen nach Ägypten, um den Mordbuben des Herodes zu entgehen... Friede auf Erden? Da war wirklich kein Raum für dieses Kind in der Herberge der Welt... Wirklich: wie soll man das alles denkend verkraften? Wie reimt sich Gott auf Elend und Stall? Wie kommt sein Sohn in eine Futterkrippe? - Heinrich weiß sich zu helfen. Ei, das war alles ganz anders: Ein Stall wie ein Salon. Aus Stroh werden Daunen. Das Krippelein zum Wiegelein. Wein und Brot auf gedecktem Tisch. Am Ende gar fließendes Wasser...? - Und wir?: Wir hängen tausend Lichter in unsere Fenster. Wir machen es hell vor dem Haus und an den Fassaden. Und es wird in diesen Tagen auch irgendwie wohnlicher in unseren Herzen, in unserem Leben, in unseren Beziehungen, in unserer Welt... Es ist, als hätte einer gesagt: All das Dunkel, den Dreck, das Leid, den Zank, den Unfrieden...das kannst du dem, der da kommt, aber nicht anbieten! Also geht's bei uns 3 - 4 Tage (und schon seit Wochen) ungewöhnlich friedlich zu, wir beschenken einander, denken an die entferntesten Verwandten, schreiben liebe Kärtchen, an Menschen, die ein geschlagenes Jahr nichts von uns gehört haben, sagen nette Worte zueinander, weihnachtliche Gefühle greifen noch nach den härtesten Herzen, die schönsten Melodien holen wir hervor, ein Meer von Lämpchen und Kerzen, trautes Bild der Familie unterm Lichterbaum...alles sieht so festlich aus... Ist das noch der Stall, in dem Jesus geboren wird? Ist das der zugige Verschlag, den seine Eltern mit dem Vieh teilen müssen? - Ich weiß nicht, ob sie es ganz verstehen, aber ich möchte heute morgen einmal wie Heinrich, all die Utensilien unserer Christtagsstuben und dieser Weihnachtszeit auf den Leiterwagen packen: All den Flitter, den Kerzenschimmer, das Lametta, den Zuckerguß, all den elektrischen Glanz vor den Häusern und in den Fenstern... Es liegt unendlich viel daran, daß wir das tun! Dann wünsche ich dir und mir die Kraft, einmal der Härte, der ganzen Unfaßbarkeit dieser wahren Botschaft von Weihnachten standzuhalten:

Es war ein Stall, armselig und unwirtlich wie dein und mein Leben. Es war ein Stall, zugig und kalt, wie unsere Gefühle füreinander oft sind, wenn erst die Festtage hinter uns liegen. Es war ein Stall, trostlos und dunkel wie dein und mein Herz. Es war ein Stall, unromantisch und häßlich wie die Gedanken, die wir voreinander verbergen. Es war ein Stall, ohne jeden Komfort... Und dann möchte ich dir und mir das sagen, was allein froh machen kann an dieser Boschaft, wieder und wieder: In diesen Stall hinein wird der Heiland geboren. Gott ist sich nicht zu gut für eine Futterkrippe. In diesem Stall beginnt Gott seine Geschichte mit dir und mit mir. In diesem Stall fängt die Liebe an, die dich und mich verwandeln will. In diesem Stall ohne Komfort...

Dann gibt es ja wohl keinen Ort auf dieser Welt, an dem Gottes Liebe nicht sichtbar werden könnte? Dann gibt es ja wohl kein Herz, das zu dunkel wäre für dieses Kind? Dann gibt es ja wohl kein Leben, das Jesus nicht verwandeln kann? Dann gibt es ja wohl kein Leid, an dem er nicht mitträgt? Dann gibt es ja wohl keine Schuld, die er dir nicht abnehmen könnte. Dann gibt es ja wohl nun keinen Grund mehr, die Augen vor der Wahrheit zu verschließen: Es war ein Stall, es war ein Futtertrog, es war unwirtlich, dunkel, kalt... Aber gerade die kalte Härte dieser Geschichte will dir und mir Freude machen und Hoffnung: Kleiner und ärmer als in einer Viehkrippe kann der Heiland auch in deinem und meinem Leben nicht anfangen!

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.