Predigt am 14. Sonntag nach Trinitatis - 5.9.1999

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Mk. 1, 40 - 45

Und es kam zu ihm ein Aussätziger, der bat ihn, kniete nieder und sprach zu ihm: Willst du, so kannst du mich reinigen. Und es jammerte ihn, und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will's tun; sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm, und er wurde rein. Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, daß du niemandem etwas sagst; sondern geh hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis. Er aber ging fort und fing an, viel davon zu reden und die Geschichte bekanntzumachen, so daß Jesus hinfort nicht mehr öffentlich in eine Stadt gehen konnte; sondern er war draußen an einsamen Orten; doch sie kamen zu ihm von allen Enden.

Liebe Gemeinde!

Das ist schon eine merkwürdige Sache: Daß Jesus scheinbar nicht haben will, wenn die Leute in der Öffentlichkeit reden und gar rühmen, daß er sie heil gemacht hat. Ist das nicht ein seltsamer Widerspruch: Einerseits will Jesus doch der Heiland der Menschen sein, andererseits sollen sie aber davon schweigen? Und nicht nur einmal, immer wieder lesen wir davon in den Heilungsberichten! Warum nur? Was ist der Sinn dieses Widerspruchs?

Ja, denken wir einmal darüber nach, wie es dazu kommt: Der Heiland Jesus Christus will nicht, daß man darüber spricht, daß er Menschen heilt und gesund macht. -

Stellen wir uns doch einmal einen Augenblick vor, Jesus wäre heute morgen für eine Stunde sichtbar unter uns. Vorstellen darf man sich das, zumal er ja wirklich jetzt bei uns sein will, auch wenn wir ihn nicht sehen. Es hätte also heute geheißen: Zwischen 1/2 10 und 1/2 11 h am Sonntag, dem 5. September 1999, ist der Heiland Jesus Christus in der ----------- Kirche zu Besuch. Nach den Abkündigungen oder dem Segen vielleicht steht er für Fragen, Bitten und Wunder zur Verfügung. Wenn die Leute das ernst genommen hätten, was wäre dann wohl heute morgen hier los?

Wahrscheinlich wäre die Kirche gerammelt voll! Und noch draußen würden die Menschen stehen, bis hinunter zum Backhaus oder gar zur alten Schule. Jene aus unserer Gemeinde, die wir sonst nie hier sehen, stünden gewiß auch da. Und von weither wären sie gekommen: Aus -----------, aus -------------, aus --------------- und ----------------. Rundfunk und Fernsehen wären natürlich auch hier. So eine Sensation muß doch im Land verbreitet werden.

Gut soweit. Was würden die Leute von Jesus wollen? Was würden sie erwarten?

Sie geben mir sicher recht: Sehr viele Fragen würden nicht gestellt. Etwa solche: "Wie macht man das denn heutzutage, lieber Jesus, daß man als dein Nachfolger lebt?" Da hätten die Leute vom Fernsehen auch ganz schnell wieder ihre Kameras und Scheinwerfer abgebaut und würden weiterfahren zum Straßenfest nach ---------------. Da gibt's doch wenigstens was für's Auge!

Nein, da hätten sicher eher die Bitten Konjunktur! "Herr, mach doch, daß ich..." - "Schenk mir doch endlich..." - "Könntest du nicht dafür sorgen, daß...?" Nun ist aber auch das noch nichts, was die Menge so richtig begeistert. Die Menschen vom Fernsehen würden gewiß mahnen und Jesus dazu treiben, daß er noch ein paar Wunder tut, an Ort und Stelle...so ein paar Zeichen: Vielleicht daß sich einer aus seinem Rollstuhl erhebt? Oder daß einer, den die Ärzte schon aufgegeben haben, wieder ganz gesund wird? Als Krönung werden die Menschen vielleicht dann noch Zeuge davon, daß eine lange Verstorbene in ihre Mitte tritt? - Die Stunde heute morgen würde nicht reichen! Alle - möglicherweise Tausende - würden nach und nach vortreten, und auch ihr Wunder fordern. Was heißt "nach und nach vortreten"? Bestürmen würden sie Jesus! Immerhin: Wenn er dem einen etwas zulieb tut, dann muß er's ja auch dem anderen tun, nicht wahr?

Aber ich fürchte, liebe Gemeinde, er würde alle gleichermaßen enttäuschen! Das Wunder-Tun war irgendwie nicht seine Sache, jedenfalls nicht die Hauptsache. Hören wir doch: "Und Jesus drohte ihm und trieb ihn alsbald von sich und sprach zu ihm: Sieh zu, daß du niemandem etwas sagst, sondern geh hin und zeige dich den Priestern und opfere für deine Reinigung, was Mose geboten hat."

Es scheint uns jetzt, als käme es ihm doch auf etwas anderes an. Die Wunder, die er getan hat, sind anscheinend nur so ein "Nebenprodukt" seines Wirkens und seiner Verkündigung. Aber was ist die Mitte, das wichtigste an ihm und seiner Sache, sozusagen der Höhepunkt seiner Predigt und seines Lebens?

"Höhepunkt" - da fällt mir nur eins ein: Sein Sterben auf der Höhe von Golgatha. Sein Tod am Kreuz. Sein Tod für uns. Für die Sünde der Welt, für die Schuld aller Menschen...auch für unsere Schuld. Nun, ich weiß, das ist so ein Thema, das hören wir nicht so gern. Wir meinen ja immer von uns, wir wären doch ganz gute Leutchen, eigentlich ganz in Ordnung, zumindest, wenn wir uns an dem und dem messen... Und da suchen wir uns immer gern solche aus, deren Moral nun wirklich zu wünschen übrig läßt. Ja, und da hinein, in dieses Denken paßt einfach nicht, daß einer für uns hat sterben müssen, als Wiedergutmachung, als Opfer. Aber so ist es! Ich glaube wirklich: Da ist die Mitte der Sache Jesu, daß er uns sagt: Ich gehe für euch in den Tod, ich trage eure Sünden fort, ich hefte euren Schuldschein ans Kreuz. Davon würde er wohl sprechen, wenn er heute morgen hier zu Gast wäre.

Er würde sicher nicht nur davon reden, aber es wäre doch sein Thema! Vielleicht würde er - wie ja schon vor 2000 Jahren - genau von der anderen Seite her kommen. Er würde uns wohl zu-sagen: Du, mein himmlischer Vater hat dich lieb. Du kannst aufhören, immer herauszustreichen, was du für ein toller Mensch bist, wie fehlerlos, wie gut. Mein Vater mag dich nämlich trotz all deiner Mängel. Darum kannst du jetzt auch dazu stehen, was in deinem Leben nicht so ist, wie es sein soll, zu allem Dunklen, allem Bösen, aller Schuld, die du schon auf dich geladen hast. Ich bin nämlich gekommen, um dir das alles abzunehmen, ja, für dich will ich ans Kreuz gehen und sterben. Für dich! Ich muß es tun, damit du und alle Menschen begreifen, wie groß die Liebe des Vaters zu euch ist!

So etwa würde er wohl sprechen, wenn er sichtbar bei uns wäre heute morgen. Mit seinen Wundern würde er gewiß sehr zurückhaltend sein. Es könnte ja sonst jemand meinen, er wollte die Leute mit seinen Zeichen und sensationellen Taten überzeugen! Das aber ist nur Nebensache. Daß er unsere Herzen für Gott gewinnt und für Gottes Weg, uns die Schuld abzunehmen, daran war und ist ihm alles gelegen! Wundertaten - da geben sie mir jetzt sicher recht - würden unsere Augen und Herzen blenden. Das Eigentliche könnte uns dann aus dem Blick geraten - und das ist sein Sterben für uns, um uns damit freizumachen von Sünde und Tod. (Und das war ja auch schon der tiefere Hintergrund der Taufe, die wir alle einmal empfangen haben. Wir sind ja nicht auf den Wundertäter Jesus Christus getauft. Wir sind - wie es Paulus ausdrückt - auf den Tod des Herrn getauft, der uns freimacht von Schuld und Todesverhängnis. Wir sind also zum Leben freigekauft durch sein Leiden und Sterben! Und nicht nur für das Leben in dieser Welt, auch für ein ewiges Leben!)

Weil das alles, was Jesus heute morgen sagen würde, wenig für die Augen bietet, darum fürchte ich, das Fernsehen hätte schon längst wieder die Kameras abgebaut und hätte sich nach ---------- aufgemacht, zum Straßenfest. Dort sind sicher interessantere Bilder einzufangen. Hier dagegen wäre es wohl eher langweilig. Und bestimmt auch die meisten der anderen Schaulustigen hätten sich inzwischen davongestohlen. Was so eine handfeste Heilung angeht, dürfte man von diesem Gast ja wohl nichts mehr erwarten...

Dabei wäre jetzt gewiß die Zeit gekommen, daß Jesus doch noch denen, die bei ihm und seiner Botschaft ausgehalten haben, ein Wunder tut! Wer jetzt noch hier wäre, der hätte nämlich sicher verstanden, worum es ihm geht. Der würde auch begreifen, was die Wunder eigentlich sind: Zutat, Beigabe zu dem allergrößten Wunder, das diese Welt je gesehen hat: Daß Gott solche Menschen, wie wir welche sind, liebt, so sehr liebt, daß er seinen einzigen Sohn in Leiden und Sterben gibt.

Davon, liebe Gemeinde, sollen wir zuallererst reden und zeugen! Darum bedroht Jesus hier den Menschen, den er vom Aussatz geheilt hat: "Sieh zu, daß du niemandem etwas sagst!" Daß durch diesen Menschen nur niemand verführt wird, in Jesus nur den Heiler und Wundermann zu sehen.

Liebe Gemeinde, Jesus geht ans Kreuz für uns, stirbt für uns, uns von Sünde und Tod zu befreien - da liegt - ein für alle Mal - das eigentliche Wunder!