Predigt am 11. Sonntag nach Trinitatis - 15.8.1999

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Liebe Gemeinde!

Es ist Freitagabend. Im Keglerheim geht's hoch her. Der Kegelklub "Feste Kugel" ist beim Abräumen. Da ruft einer in die Runde: "Wer gibt eigentlich Morgen unsern Lottotip ab?" - Ein anderer: "Ich glaube, Fritz ist mal wieder dran." Darauf Fritz: "Hört mal, das geht leider nicht, ich muß morgen Überstunden machen, da schaff' ich das nicht bis Annahmeschluß." Da meldet sich Hans: "Ich mach' das diesmal, ich hab' morgen Zeit." Die Kegelbrüder sind zufrieden: "Für 50 Mark, wie immer. Unsere Gewinnzahlen hast du ja - und nicht vergessen, vielleicht haben wir diesmal Glück." Als Hans am Samstag zur Annahmestelle fährt, merkt er, daß er den Zettel mit den Zahlen, die der Kegelverein immer tippt, nicht dabei hat. Also muß er erst nochmal heim. Als er den Zettel schließlich gefunden hat, überkommt ihn die Müdigkeit und so legt er sich eine Weile aufs Ohr. Als er aufwacht ist immer noch genug Zeit. Er ißt zu Abend, dann klingelt das Telefon... Als er endlich losgehen will ist's fünf Minuten bevor die Annahmestelle schließt. Zu spät, denn die schließen pünktlich. Und so versucht er's erst gar nicht mehr. Er tröstet sich: "Wir haben ja noch nie was gewonnen; spielen wir nächstes mal halt mit doppeltem Einsatz.

Bei der Ziehung am Samstag Abend wird es Hans schwarz vor Augen: Fünf Richtige mit Zusatzzahl, ...sie haben gewonnen...sie hätten, wenn... Da klingelt auch schon das Telefon, bestimmt einer der Kegelbrüder, der sich mächtig freut über den Glückstip, den er verbummelt hat. Was soll er jetzt nur machen? Wie kann er erklären, warum er nicht getan, was er versprochen hatte? Wollte er nicht sogar freiwillig den Auftrag der Kegelbrüder ausführen? Hat er sich nicht selbst angeboten?

Wir können uns lebhaft vorstellen, was passiert, wenn's herauskommt: Die Enttäuschung der Kegelkameraden über den entgangenen Gewinn! Die Vorwürfe, die sie Hans machen! Wer wird je wieder Vertrauen in sein Wort setzen?

Liebe Gemeinde, die kleine Geschichte ist ein krasses Beispiel dafür, was geschehen kann, wenn einer anders sagt, als er dann tut. So etwas nehmen wir einander sehr übel. Wenn man sein Wort bricht, dann interessiert hinterher niemanden, warum, da mögen wir die besten Gründe haben: Krankheit oder höhere Gewalt... Wir haben's versprochen, unser Wort zählt, und darauf verlassen sich die Leute! An den Folgen eines Wortbruchs trägt mancher sein Leben lang.

Im heutigen Predigttext geht es auch um einen Wortbruch. Es ist das Gleichnis von den zwei ungleichen Söhnen. Es steht bei Matthäus im 21. Kapitel:

Textlesung: Mt. 21, 28-31

Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Nein, ich will nicht. Danach reute es ihn, und er ging hin. Und der Vater ging zum zweiten Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr! und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan? Sie antworteten: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und lehrte euch den rechten Weg, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, tatet ihr dennoch nicht Buße, so daß ihr ihm dann auch geglaubt hättet.

 

Was müssen das für Menschen sein, denen Jesus dieses Gleichnis erzählt, daß ihnen Dirnen, Zöllner und Sünder ins Himmelreich vorausgehen? -

So übel waren die Leute gar nicht, denen die Geschichte galt: Hohepriester und die Ältesten des Volkes waren gemeint. Auf die Frömmsten der Frommen war das Gleichnis zugeschnitten.

Nun sind die Gleichnisse Jesu keine gewöhnlichen Geschichten. Wenn man sie hört, kann man nicht einfach sagen: Was geht's mich an? Jesus versteht so raffiniert zu erzählen, daß man einfach zuhören und mitdenken muß und am Ende erst merkt man, daß von einem selbst die Rede ist - doch dann ist's zu spät; man muß sich der Entscheidung stellen, zu der das Gleichnis führen will.

So ist es auch hier. Es beginnt ganz harmlos: Ein Mann hatte zwei Söhne...

Das konnten sich die frommen Juden anhören, denn Geschichten von fremden Leuten gehen einem nicht nah. Was dann kommt ist zwar etwas ungewöhnlich, aber darum gerade interessant: Ein Sohn sagt ja, geht aber nicht an die Arbeit, der andere sagt zunächst nein zum Auftrag des Vaters, geht dann aber in den Weinberg.

Jetzt will Jesus von den frommen Hörern wissen, wer den Willen des Vaters erfüllt hat. Was gibt's da zu überlegen?: Der zweite natürlich, denn der Vater will nicht nur ein ja als Antwort, sondern daß einer hingeht, um die Arbeit im Weinberg zu tun.

Bis hierher haben die Hohenpriester und Ältesten wohl gespannt, aber ohne große innere Beteiligung zugehört. Und sie haben auch auf die Frage, die Jesus stellt, ganz richtig geantwortet. Jetzt kommt das Ungeheuerliche: Jesus fertigt sie ab! Ihr habt recht geantwortet - die Zöllner und die Dirnen kommen vor euch in das Reich Gottes.

Es wird eine Weile gedauert haben, bis sich die Frommen wieder gefaßt haben. Von ihnen selbst also handelt die Geschichte. Sie sollen sich so verhalten, wie der Sohn, der ja zum Vater sagt und dann faul zuhause bleibt? Und der andere Sohn, das sind die Zöllner und Dirnen, die Verachteten, die sie auf der Straße nichtmal anschauen...dieser Abschaum soll besser sein als sie...?

Und sie selbst hatten Jesus auch noch bestätigt: "Der zweite Sohn erfüllt den Willen des Vaters..." - die Zöllner und Sünder folgen dem Auftrag Gottes. Ja, Gottes, denn auch das haben sie inzwischen gemerkt, der Vater im Gleichnis ist kein anderer als Gott!

Was wollte denn nun das Gleichnis den damaligen Hörern sagen? Worüber sollten die Frommen zum Nachdenken kommen?

Es war Wortbruch, was Jesus ihnen vorwarf, Er wollte ihnen deutlich machen: Ihr seid bloß Ja-Sager. Die Gebote Gottes, seinen Willen und Auftrag kennt ihr auswendig, aber wie sieht's in eurem Leben damit aus? Ihr bürdet euren Mitmenschen schwere Lasten nach dem Gesetz auf, aber selber wollt ihr sie mit keinem Finger bewegen. Euer ganzes frommes Getue ist Lug und Trug, denn ihr könnt ja nur schön reden. Wenn's um die Arbeit in Gottes Weinberg geht, versagt ihr.

Das Gleichnis muß die frommen Zuhörer Jesu furchtbar getroffen haben: Sollte denn all ihr Wissen um Schrift und Gebote, und wie peinlich genau sie das Gesetz erfüllten, ihr Beten und Fasten nichts wert sein? Und sie machten sich's wirklich nicht leicht damit. Mehr als alle anderen leisteten sie in religiösen Dingen! Und genau das wollte Jesus ihnen ja auch sagen: Wenn's bei euch überhaupt zum Tun kommt, so ist's Leistung. Wenn ihr betet, wenn ihr einem Armen gebt, wenn ihr für einen Mitmenschen auch nur den Finger krumm macht, dann rechnet ihr euch dafür sogleich den Lohn aus. Ihr habt ja zu Gottes Willen gesagt, aber ihr tut ihn nicht, weil es der Wille Gottes ist, sondern weil ihr meint, es bringt euch Verdienst und Anrecht auf den Himmel. Ihr rechnet mit Gott, wie mit einem Zahlmeister. Ihr prunkt mit euren frommen Taten und Worten und seht auf die herab, die es euch nicht gleichtun wollen. Aber ihr verrechnet euch, denn bei Gott geht es anders zu, als ihr denkt!

Liebe Gemeinde, wir kennen viele andere Gleichnisse Jesu. Wir haben auch von den Arbeitern im Weinberg gehört: Alle, auch jene, die nur eine Stunde gearbeitet haben, empfangen am Abend den gleichen Lohn - aus Gnade. Und das eben ist es: Auf Gnade wollten die Hohenpriester und Ältesten damals nicht angewiesen sein.

Und wir heute? - Ich glaube, uns geht's ähnlich. Aber gerade darauf will auch unser heutiges Gleichnis letztenendes hinaus: Im Weinberg Gottes, in seinem Reich herrscht Gnade. Gerade solche, die von den rechtgläubigen Juden in frommem Dünkel abgelehnt wurden, sind Gott lieber als sie. Sie werden in sein Reich kommen. Gewiß, die Sünder haben erst nein gesagt, sie wollten von den Geboten und dem Willen Gottes nichts wissen. Aber sie haben sich anders besonnen.

Von Anfang an waren es immer wieder die Verachteten, die Schuldbeladenen, die Jesus nachfolgten. Sie taten Buße, sie bereuten und ließen sich taufen. Viele von ihnen hatten ein neues Leben angefangen. Ihnen stand kein frommer Wahn im Wege, wie den Hohenpriestern und Schriftgelehrten. Die Sünder hatten begriffen, daß sie vor Gott allemal mit leeren Händen dastehen. Sie wußten, daß sie, wie alle Menschen, auf sein Erbarmen angewiesen sind.

Leute, die wie die Zöllner im Gleichnis, Gott keine frommen Taten vorweisen können, solche Leute taugen für Gottes Weinberg. Sie erfahren, daß Gottes Gnade kein leerer Wahn ist, sondern daß sie trägt und uns am Leben hält. Nicht unser Verdienst, seine Gnade öffnet uns sein Reich.

Was wünschte ich denen, die immer ja zu Gottes Sache sagen, daß sie sich einmal besinnen und ihr Ja auch tun - selbst wenn sie damit Gottes Gnade annehmen müssen. Aber anders als aus Gnade, ist Gottes Reich nicht zu gewinnen!

Und was wünschte ich dem Kegelbruder aus meiner kleinen Geschichte jetzt Freunde im Kegelverein, die ihm verzeihen können, was ihm gewiß sehr leid tut!