Predigt am 9. Sonntag nach Trinitatis - 1.8.1999

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Mt. 7, 24 - 27

Darum, wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf Fels baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, fiel es doch nicht ein; denn es war auf Fels gegründet. Und wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute. Als nun ein Platzregen fiel und die Wasser kamen und die Winde wehten und stießen an das Haus, da fiel es ein, und sein Fall war groß.

Liebe Gemeinde!

Wir hatten vor einiger Zeit ein sehr interessantes Gespräch unter Gemeindemitgliedern: Es ging über den christlichen Glauben. Ob es denn einem Menschen vorzuwerfen wäre, wenn er nun einmal nicht glauben kann? Ob wir uns denn den Glauben irgendwie selbst verschaffen können? Ob er denn nicht ein Geschenk Gottes wäre?

Gar nicht so einfach diese Fragen! Da hat auch der Pfarrer keine rasche Antwort parat! Wir haben sehr lange darüber gesprochen. Alle Seiten des Problems erörtert, in alle Winkel des Themas geleuchtet. Ein bißchen möchte ich sie heute an diesen Gedanken beteiligen: Wie oft haben sie schon gehört: "Ich bin nicht gläubig!" Oder: "Ich kann mit diesem Kram, den sie in den Kirchen predigen, wenig anfangen!" - So, sie haben das noch nie gehört? Ich schon! Aber vielleicht reden die Leute heute gar nicht mehr soviel davon. Vielleicht müssen wir das einfach ihrem Leben ablesen, daß wir es mit unseren Augen sehen und mit unserem Herzen spüren: So kann doch keiner sein, der an Gott glaubt! So verhält sich kein wirklich Christ!

Die Frage jedenfalls bleibt: Ist einer denn verantwortlich dafür, wenn er keinen Vater im Himmel kennt? Dürfen wir einem Menschen irgendwie vorhalten, wenn er nicht glauben kann? Würden wir damit nicht eigentlich sagen: Du bist schuld, daß dir Gott den Glauben nicht schenkt?! Und: Wäre nicht schon solches Reden widersinnig? Wie kann denn einer verschulden, nicht beschenkt zu werden? Und was ist das für ein Geschenk, wenn ich es mir doch irgendwie verdiene? -

Wirklich schwierig diese Dinge! Und hier hat sich unser Gespräch vor einiger Zeit auch festgebissen. Was uns weitergebracht hat, war dann die Einsicht: Wir denken beim "Glauben" immer zuerst an etwas tief Geistiges, an einen Vorgang in unserem Kopf, in unserem Herzen oder in unserer Seele. Wenn wir also etwa sagen: Ich glaube an Gott, dann meinen wir: Ich gehe davon aus, daß ein höheres Wesen über uns wohnt. Anders ausgedrückt, wir sagen dann: Ich kann das mit meinem Verstand annehmen, in meinem Kopf denken, daß es einen Gott gibt, den ich zwar nicht sehe, der aber doch da ist. Wie gesagt: Immer geht es um einen inneren Prozeß, sozusagen. - Ist der Glaube so etwas? Besser: Ist er nur so etwas?

So kamen wir schließlich der Sache auf die Spur. Wir entdeckten die andere Seite des Glaubens, die - seltsam genug - heute meist weniger beachtet wird; ich will sie die praktischen Seite nennen: Den "Glauben" als Tat.

Und, als hätte es so sein sollen, hören wir heute dieses Gleichnis Jesu vom "Haus auf dem Felsen"! Wie das paßt! Jesus sprach: "Wer diese meine Rede hört und tut sie der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf dem Felsen baute." Vor diesem Wort hat unser Reden und Dünken vom "Glauben als geistiger Vorgang" keinen Platz mehr! Nein! Da gibt es für die Christen ganz klare Auskunft, worum es geht. Da sind nicht in erster Linie irgendwelche Geheimnisse um Gottes Person zu lüften, da gibt es nicht zuerst Rätsel zu enthüllen oder - wenn wir sie nicht lösen können - einfach zu glauben. Da hat einer, nämlich der Herr Jesus Christus, deutliche Weisung gegeben, wie die Leute in seiner Nachfolge leben sollen - und können: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst! Tu wohl denen, die dich hassen! Sei gütig selbst deinen Feinden gegenüber! Füge keinem ein Leid zu! Bleibe bei der Wahrheit! Vergreife dich nicht an dem, was deinem Mitmenschen gehört! Ehre deine Eltern! Gib Gott, was ihm gebührt, halte eine Zeit, in der du für ihn frei bleibst. Heilige den siebten Tag!"

Das - und noch ein paar Dinge mehr - ist der Glaube! Ja, das gehört nicht nur dazu, wenn einer glaubt. Das ist der Glaube!

Was geschieht denn mit uns, wenn wir so tun: Den Nächsten lieben, die Eltern ehren und all das andere? Nun, dann wird unser Leben bestimmt nicht immer leicht sein oder nur glücklich. Das sicher nicht! Aber all diese Taten des Glaubens bleiben doch nicht ohne Wirkung und Folge! Nicht nur, daß mein Nächster sich darüber freut oder auch wundert, wenn ich ihm in Liebe entgegenkomme, wo er vielleicht sonst nur Bosheit erfährt. Nicht nur, daß meine Eltern stolz und froh über mich sind, wenn ich ihnen in Ehrfurcht begegne. Auch ich selbst bleibe nicht derselbe, wenn ich Jesu "Rede höre und sie tue"!

Was für uns persönlich folgt, wenn wir die Taten des Glaubens vollbringen, ist zunächst einmal "Freude": Das ist nämlich schön und gut, wenn du andere liebst! Das macht dich zufrieden und glücklich, wenn du deine Eltern in Ehren hältst. Aber das bestätigt dich auch: Du weißt dabei - sicherer als alles - das ist richtig so, das soll so sein, das hat Verheißung! Du spürst, das ist der Weg zu menschlichem erfülltem Leben. Du hast das gewisse Gefühl: Hinter deinem Tun steht ein höherer Wille! Um es so zu sagen: Du weißt dabei, dein Haus in dieser Welt steht auf dem Felsen!

Und ich vermute, auch das andere stimmt: "Wer diese meine Rede hört und tut sie nicht, der gleicht einem törichten Mann, der sein Haus auf Sand baute." Ich meine, es stimmt in der Weise, daß auch einer, der eben keine Glaubens-taten vorzuweisen hat, genau empfindet, daß er falsch liegt mit seinem Leben und Treiben. Sein Handeln entspricht eben nicht dieser Weisung: "Liebe deinen Nächsten." Mit seiner Verachtung der Eltern oder seiner Lüge schiebt er eben auch den Willen Gottes beiseite. Dann stellt sich kein Gefühl der Freude ein. Dann gibt es allenfalls einen kurzen Augenblick hämischer Genugtuung. Von Dauer ist das nicht. Und wir werden auch nicht durch unser Tun bestätigt: Keine sichere Empfindung, du bist auf der rechten Straße. Vielmehr spürst du deutlich: Dein Haus steht auf Sand. Irgendwann wird es einstürzen und der "Fall wird groß sein"!

So ist der Glaube! Und nicht nur auch, sondern zuallererst! Wir sind zuerst zu Taten aufgerufen, dann erst zu geistigen Glaubensakten. Zunächst spricht uns Jesus an: "Wer diese meine Rede hört und tut sie...", dann erst sind wir gefragt, ob wir an einen Gott im Himmel glauben. Und das ist nicht bloß ein zeitliches Hintereinander, das hat ursächlich diese Reihenfolge: Wenn ich erfahren habe, wieviel Freude und Bestätigung darin liegen, der Stimme Jesu zu hören, dann kann ich auch an Gott glauben, nein, noch deutlicher: Dann kann ich nicht mehr abstreiten, daß ein Vater im Himmel wohnen muß! Und noch einmal mit dem Gleichnis Jesu gesprochen: Wenn ich erfahren habe, wie gut und sicher mein Haus auf dem Felsen steht, dann weiß ich auch, wer dieser Fels ist: Mein Gott und Vater! So folgt der Glaube des Denkens dem Glauben der Tat.

Und so ging unser Gespräch neulich auch aus: Nein, wir können keinem vorwerfen, wenn ihn Gott nicht mit dem Glauben des Verstands beschenkt. Aber wir können jedem Menschen die klare Auskunft geben: Dir steht offen, der Stimme Jesu Christi zu gehorchen, wenn er dir für dein Leben deutliche Weisung gibt: "Liebe deinen Nächsten. Tu wohl denen, die dich hassen. Ehre deine Eltern..." Tu das, dann wirst du sehen! - Warum sollte Gott einem Menschen, der sich um seinen Willen bemüht, das Geschenk des Herzensglaubens verweigern?

Ich denke, wir dürfen die Menschen, die uns sagen: Ich kann nicht glauben, auf Jesus verweisen. Im Hören auf seine Stimme finden alle Menschen eine Aufgabe, die sie erfüllen können. (Dabei wird sich auch herausstellen, wer seinen angeblichen Unglauben eigentlich nur als Alibi benutzt, nur keinen Finger für seinen Gott und seine Mitmenschen rühren zu müssen!)

Und selbst denen, die über diese Dinge nicht sprechen - aber ganz und gar für den eigenen Bauch leben - können wir einmal von den "Taten des Glaubens" sprechen, besser noch: Wir sollten sie ihnen vor-leben! Vom Glauben in unserem Herzen nur zu reden, kann allein nicht überzeugen!

Jesus spricht: "Wer diese meine Rede hört und tut sie, der gleicht einem klugen Mann, der sein Haus auf den Fels baute."