Predigt zum 3. So. nach Trinitatis - 6.7.2003

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(Die Luth. liturg. Konferenz hat den Text des 3. So.n.Trin. der Reihe 3 durch den der Reihe 1 ausgetauscht, ohne dies in der predigenden Öffentlichkeit genügend zu kommunizieren. Die hier vielleicht erwartete Predigt über den "Verlorenen Sohn" findet sich jetzt in der 1. Reihe unter dem 3. So.n.Trin.)

Textlesung: Lk. 15, 1 - 7 (8 - 10)

Es nahten sich ihm aber allerlei Zöllner und Sünder, um ihn zu hören. Und die Pharisäer und Schriftgelehrten murrten und sprachen: Dieser nimmt die Sünder an und ißt mit ihnen.

Er sagte aber zu ihnen dies Gleichnis und sprach:

Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eins von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste läßt und geht dem verlorenen nach, bis er's findet? Und wenn er's gefunden hat, so legt er sich's auf die Schultern voller Freude. Und wenn er heimkommt, ruft er seine Freunde und Nachbarn und spricht zu ihnen: Freut euch mit mir; denn ich habe mein Schaf gefunden, das verloren war.

Ich sage euch: So wird auch Freude im Himmel sein über einen Sünder, der Buße tut, mehr als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nicht bedürfen.

Liebe Gemeinde!

Ich denke, ich stehe da nicht allein. Ich konnte die Botschaft dieses Gleichnis' vom Verlorenen Schaf in meinem Leben lange nicht begreifen. Denn kommt da nicht am Ende heraus: Dieses eine verlorene Schaf ist Gott wichtiger als die 99 anderen?

Mir wollte das nicht in den Kopf, daß der "Mensch", der das Schaf verliert, die 99 "in der Wüste läßt", wie es hier heißt. Wie kann der Hirte so leichtfertig sein? Was könnte den Tieren alles zustoßen: Vielleicht verlaufen sich noch andere, vielleicht kommt ein Wolf und reißt die Schafe, vielleicht vertritt sich eines ein Bein... Um es auf den Punkt zu bringen: Ich habe bei dieser Geschichte immer mehr an die anderen Schafe gedacht und an ihr Schicksal; der "Mensch" im Gleichnis aber sieht nur das eine.

Inzwischen bin ich dabei, meinen Frieden mit diesem Gleichnis zu machen. Ich sage mir: Die Geschichte will einfach nicht, daß wir uns über die 99 Schafe zu viele Gedanken machen, was ihnen wohl passiert und ob das leichtsinnig von ihrem Hirten ist, sie allein in der Wüste zu lassen. Wir hören besonders deshalb von ihnen, damit uns ganz deutlich wird, wie groß die Freude Gottes über einen Menschen ist, der sich zu ihm bekehrt: 99 Gerechte können diese Freude nicht aufwiegen!

Aber ich bin inzwischen auch der Freude selbst auf die Spur gekommen! Ich verstehe - oder besser: ich kann nachfühlen - warum Gott sich so sehr über einen Sünder freut, der sich bekehrt und sein Leben ändert. Und dabei entdecke ich den Grund, warum auch wir Christen uns darüber freuen können, wenn ein Mitmensch von unserem "guten Hirten" gefunden wird.

Aber jetzt ganz klar gesprochen: Natürlich meint Jesus hier nicht wirklich "Gerechte", wenn er von den 99 spricht, "die der Buße nicht bedürfen". Zu wem redet er denn? Zu Pharisäern und Schriftgelehrten! Die hatten sich ja aufgeregt darüber, daß er sich mit Zöllnern und Sündern an einen Tisch setzt. Sie hätten das nie getan! Sie hielten sich nämlich für etwas Besseres, sie hatten Buße nicht nötig. Sie waren auch so ganz in Ordnung und recht vor Gott und den Menschen. So glaubten sie jedenfalls. Wenn Jesus diese Leute anspricht, dann dürfen wir seinen letzten Satz getrost so verstehen: Es wird wahrhaftig mehr Freude im Himmel über einen Sünder sein, der sich bekehrt, als über 99 von euch, die sich nur für gerecht halten und meinen, der Buße nicht zu bedürfen. - So ist es gemeint!

Und eben dieser Freude komme auch ich nach und nach auf die Spur. Aber da müssen wir uns noch etwas anderes deutlich machen: Wir sind nicht nur Schafe aus der Herde Jesu. Wir sind und wir sollen auch für einander Hirtinnen und Hirten sein! Und selbstverständlich will man als "Hirte" der Jesus Christus kennt, die "Schafe", die Mitmenschen also, die uns anvertraut sind, zu Gott und seinem Wort führen, im Bild: Zur rechten Weide. Und wenn wir es einmal 100 Schafe sein lassen, die in unserer Nähe und Obhut leben, dann möchten wir gern möglichst alle zu saftigem Gras und zum frischen Wasser leiten.

Aber: Menschen sind keine Schafe! Sie haben ihren eigenen Kopf. Sie haben ihren eigenen Weg, ihre Meinung vom Leben, vom Sinn und vom Ziel ihrer Tage. Menschen folgen dem Hirten nicht überallhin, wie es Schafe meist tun. Menschen wollen ihren eigenen Willen durchsetzen, sich selbst behaupten und nicht hinter einem Hirten herlaufen. Und das ist ja auch gut so. Nur: Menschen wollen oft auch mit dem Kopf durch die Wand. Sie tun etwas - wider bessere Einsicht. Sie bleiben auf dem Weg, den sie schon lange als falsch erkannt haben, beharrlich, stur, oft ein Leben lang.

Ein Schaf, wenn es sich verläuft, will zur Herde zurück. Ein Mensch "verläuft" sich oft, um nur ja von der Herde und dem Hirten wegzukommen! - Das also müssen wir als "Hirtin und Hirte" begreifen: Wir können die Menschen nicht dazu zwingen, bei der Herde zu bleiben und mit zur rechten Weide zu ziehen. Ich kann Menschen nicht zurückhalten, wenn sie sich mit Gewalt verlaufen wollen. Ich kann Menschen nicht abhalten, ihr "Futter" dort zu suchen, wo es nur Wüste und ausgetrocknete Brunnen gibt. Ja, wenn ich es täte, dann würden sie nur noch schneller und noch weiter von der Herde weglaufen. - Ich kann nur rufen und locken und einladen: Komm doch zurück! Laß dir doch helfen! Komm doch mit zum frischen Wasser und zur guten Weide!

Und es gibt halt auch viele, die meinen wirklich, sie lebten ganz richtig, nah bei der Herde und bei dem, der unser aller Hirte ist. Sie meinen das, obgleich sie eigentlich längst den Anschluss und jeden Kontakt mit ihm und den anderen und der guten Weide verloren haben. Und schließlich gibt es noch solche, die sprechen den anderen ab, dass sie in der richtigen Herde sind und sogar den Hirten und den Weg, den er führt, zweifeln sie an. Nur sie fressen das rechte Gras! Nur sie trinken vom klaren, reinen Wasser! Nur sie haben Beziehung mit dem guten Hirten!

Vor dem Hintergrund all der Erfahrungen, die wir mit dem Hirtenamt oder auch als Schafe des guten Hirten bis heute machen konnten, können wir jetzt ganz gewiß nur von großer Freude sprechen, wenn hie und da einmal ein Schaf - Verzeihung! - ein Mensch, der verloren war, gefunden wird. Das ist unvergleichlich schön und erfüllt einen mit großer Dankbarkeit gegenüber Gott, wenn man das erleben darf: Ein Mensch sagt, ich bin nichtigem Dreck nachgelaufen. Ich habe mich an Kram und Unwichtiges verplempert. Ich habe bis heute viel meiner Zeit und Energie vergeudet. Seit ich Jesus Christus kenne, weiß ich erst, was leben heißt! Er hat meinen Tagen Sinn gegeben und Aufgaben und eine Zukunft. Durch ihn bin ich wie von Neuem geboren!

Und das kann wirklich sehr glücklich machen, wenn man selbst dabei mithelfen durfte, daß eine oder einer den Weg zurück oder zum ersten Mal im Leben den rechten Weg findet. Wenn solch ein Mensch erzählt, wie Jesus ihn verwandelt hat, wie sein Gebet erhört wurde oder er auf einmal begriffen hat, wofür er da ist.

Wenn man davon erfährt (- und ich durfte es schon erfahren -), dann werden einem - und das müssen sie schon entschuldigen - die 99 mehr oder weniger "gefundenen" Schafe wenigstens für eine Weile nicht so wichtig sein. Man begreift auf einmal, warum uns Gott hier so geschildert wird, wie ein Hirt, der einem einzigen Schaf so treu und geduldig nachgeht: Das ist so groß, so gut und schön, wenn einer die echten Tränen der Reue weint und endlich wieder daheim ist, zu Hause und in den Armen des guten Hirten, der seine "Schafe" doch liebhat... Da kann man leicht die überheblichen Blicke, das hochmütige Wissen von Gott und die vorgebliche Kenntnis seines Wortes vergessen und erst recht den Spott der Menschen, die ihren Hirten noch nie wirklich kennengelernt haben. Wo ein Schaf gefunden wird, wo ein Mensch aus der Verlorenheit zurückgewonnen und sozusagen der Wüste abgetrotzt wurde, da geschieht etwas so Wesentliches, Gewaltiges, Herrliches... Doch, ich verstehe heute, warum dieses Gleichnis so spricht: Dies eine Schaf ist Gott wichtiger als die 99! Ich verstehe es nicht nur - ich kann es nachfühlen!

Aber noch einmal: Wir sind alle auch "Hirten"! Auch sie - jeder Christ! - soll ein Hirte für seine Mitmenschen sein. Und ich weiß auch, daß viele von ihnen sich um manchen Mitmenschen sorgen - vielleicht gerade in diesen Tagen - und befürchten, daß er nicht mehr zur Herde des guten Hirten zurückfindet. Ich möchte sie ermutigen: Gehen sie ihm nach. Suchen sie ihn auf, rufen sie ihn wenigstens, laden sie ein, lassen sie nicht ab, wieder und wieder Hilfe anzubieten und auch zu leisten - auch indem sie für diesen Menschen beten. Sagen sie nie - so wie wir vielleicht angesichts des Gleichnis vom Verlorenen Schaf denken könnten - das ist doch nur einer! Ich will mich lieber zu den 99 halten und mich um sie sorgen. - Die 99 brauchen sie nicht. Der eine / die eine braucht sie!

Und dann: Wir sind ja - um ein letztes Mal dieses Bild zu gebrauchen - alle auch Schafe in der Herde Jesu Christi oder besser: Wir sollen es sein! Und vielleicht war es ja das, was mich an dieser Geschichte auch einmal gestört hat: Wie gut doch das verlorene Schaf wegkommt und wie schlecht die 99! Was ein Aufwand und eine Freude um das eine!

Wenn wir so denken, dann kommt das vielleicht ja auch von daher, daß wir uns ganz selbstverständlich zu den 99 "Gefundenen" rechnen, von denen keiner groß Aufhebens macht. Aber auch das kann man anders sehen - und vielleicht darf ich sie heute auch hier zu einer neuen Sicht einladen: Wenn wir nun auch verloren wären? Wenn uns der gute Hirte schon lange suchte, riefe und lockte: Komm doch zurück? Wenn er sich um uns so sorgte und uns nachginge und für uns alle möglichen Strapazen und Mühen auf sich nähme, draußen in der Wüste, wohin wir uns verlaufen haben? Wäre es dann so schlimm, dieses eine Schaf zu sein? Ja, würden wir da nicht wirklich ganz anders über diesen Hirten denken, dem wir so wichtig sind und dessen Freude so groß ist, wenn er uns heimholt? Wenn es also vielleicht so um uns steht - dann lassen wir uns doch finden!