Predigt am 1. Sonntag nach Trinitatis - 6.6.1999

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Joh. 5, 39 - 47

Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben hättet. Ich nehme nicht Ehre von Menschen; aber ich kenne euch, daß ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht? Ihr sollt nicht meinen, daß ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft. Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

Liebe Gemeinde!

Gewiß könnten wir sagen: Jesus spricht hier doch mit frommen Juden, mit Schriftgelehrten und Pharisäern...und außerdem ist das bald 2000 Jahre her, was geht uns das an? Und gewiß haben die drei Vorwürfe, die Jesus den Leuten hier macht, besonders für die damaligen Gesprächspartner gegolten. Und schließlich, wir wollen ehrlich sein, haben wir das eben beim ersten Hören gar nicht so ganz mitbekommen, worum es eigentlich geht...

Nun, ich habe mich ein wenig länger damit beschäftigt. Ich habe diese Sätze ein paar Mal gelesen und ich muß sagen: Sie haben mich getroffen, und ich glaube, sie betreffen uns alle! Gehen wir ihnen doch einfach einmal entlang und schauen wir, ob sie nicht auch mit uns sprechen?

Zuerst sagt Jesus: Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, daß ihr das Leben hättet.

Ich mußte da an einen Menschen denken, den ich einmal kennengelernt habe. Er hatte wirklich zu jeder Zeit (leider auch zur Unzeit!) einen Bibelvers auf den Lippen. Zugegeben, es waren wunderschöne Worte, die er aus der Heiligen Schrift zitieren konnte! Und es hat mir anfänglich auch imponiert, wieviele Sprüche er auswendig kannte und aus dem Kopf hersagen konnte. Aber, leider wurde mir bald klar, daß er sie nur mit dem Kopf gelernt hatte. Sein Herz, seine Hände und Füße blieben ganz unbeteiligt. So sprach er zwar von Nächstenliebe, praktisch war sie ihm aber so fern wie irgendein Stern am Himmel. Und er führte Reden vom Teilen und Abgeben und sah selbst doch immer zu, daß er das größte Stück vom Kuchen erwischte. Und schließlich mochte man von seinen Worten her denken, er hätte den persönlichsten Umgang mit seinem "Herrn Jesus", wie er ihn nannte. Aber er konnte die Wärme dieser Beziehung, von der er doch sprach, nicht ausstrahlen und nicht weiterreichen an seine Mitmenschen: Es war immer nur kalt in seiner Nähe, so kalt, daß man fror! - Dieser Mensch "hat das Leben in der Schrift gesucht", die Worte der Bibel aber werden erst lebendig, wenn wir nach ihnen handeln und so Jesus nahekommen und er uns!

Das zweite ist dies: Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen.

Haben sie das nicht auch schon erlebt: Da wollten sie einem Mitmenschen, vielleicht ihrem Partner oder ihrem Kind, deutlich machen, was sie an Gottes Sache, am Glauben anrührt und wieviel ihnen daran läge, wenn doch auch ihr Kind oder Partner diesen Glauben annehmen könnten, oder wenn sie Gottes Wege, seinen Willen und Plan ein bißchen besser verstehen und wenigstens für möglich halten würden, daß Gott es doch gut mit ihnen meint. - Sie sind nicht durchgedrungen mit ihren Worten! Ihr Gegenüber hat es nicht begriffen. Ja, sie hatten den Eindruck, sie könnten noch stundenlang reden, sie würden dennoch nichts erreichen!

Aber dann auf der anderen Seite: Da hat es einer oft so leicht, unseren Mitmenschen etwas vorzumachen, bei ihnen Eindruck zu schinden und sie zu gewinnen - mit Haut und Haaren! - Vielleicht war er ein Meister im Aufschneiden! Oder er bediente sich einiger Äußerlichkeiten, die er gezielt einsetzte: Er fuhr einen dicken Wagen, sah aus, wie aus dem Ei gepellt oder verstand sich auf Schmeichelei und schöne Worte, die wir alle ja so gerne hören! Jedenfalls, ihm folgte man willig! Die, denen sie vorher nicht beikommen konnten, fielen leicht auf ihn herein, nahmen von ihm die größten Lügen als Wahrheit, saugten sie von seinen Lippen, als wären sie das Evangelium und wollten doch von ihnen das wirklich Gute und Dienliche nicht einmal hören.

Im Namen Gottes zu reden und zu handeln gewinnt uns oft nicht die Herzen der Menschen - die Blender und Angeber, die Scharlatane und Großmäuler haben häufig leichteres Spiel!

Und schließlich sagt Jesus: Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht?

Was könnte hier gemeint sein? Mir fiel dazu ein, wie uns doch das Lob der Menschen so wichtig ist! Wir müssen es zwar immer wieder erkennen und sagen es ja auch im Sprichwort: "Undank ist der Welt Lohn!", und sind doch ständig auf der Jagd nach dem Dank, den die Welt gibt oder nach unserem Willen geben soll, nach der Ehre, dem Ansehen vor den Leuten, nach der guten Meinung, die jedermann von uns haben muß...müßte... Dabei wissen wir doch sehr genau, wie der Dank, die Ehre, das Ansehen in dieser Welt zustande kommen! Meistens jedenfalls.

Wem wird denn Ehre erwiesen? Dem Herrn Minister vielleicht, der sich mit seinem richtigen Parteibuch emporgedient und es dabei am Einsatz der Ellenbogen nicht hat fehlen lassen. Und wer genießt Ansehen bei den Leuten? Der Besitzer des Konzerns mit einigen Tausend Angestellten und Arbeitern, dem die Firma durch den Vater schon vom Urgroßvater überkommen ist, der selbst vielleicht keinen Finger gerührt hat, den Besitz zu mehren oder zu sichern, der nur durch Schicksal und Gunst der Geburt der Erbe eines Vermögens ist, das er sich nie wirklich erworben hat. Und wem danken die Menschen, wenn sie's überhaupt einmal tun? Der Schauspielerin die ihre Gage bei einem Auftritt im Fernsehen für die Aktion Sorgenkind spendet, aber nicht der Frau, die schon jahrelang täglich einen alten Menschen im Nachbarhaus versorgt und pflegt, mit dem sie nicht einmal verwandt ist.

So verachten wir im Grunde die Ehre, die von Gott kommt und vor ihm gilt: Er nämlich, das wissen wir doch, liebt die kleinen, schwachen und unbedeutenden Leute, die nicht auf der Bühne der Öffentlichkeit stehen, die nicht beklatscht und bestaunt werden, die nicht helfen und Gutes tun, weil es von vielen gesehen wird, sondern weil ihnen die Not des Mitmenschen nahe geht und die Liebe Gottes sie zum Handeln treibt!

Liebe Gemeinde, wie gesagt, mich haben diese Worte Jesu getroffen. Ich möchte nicht mehr so denken und sprechen: Jesus hätte hier nur fromme Juden, Schriftgelehrte und Pharisäer vor bald 2000 Jahren gemeint und was ginge uns das denn an? Und ich denke überdies, wir alle hätten das jetzt doch mitbekommen, worum es hier geht!

Vielleicht sollten wir nun noch sozusagen "den Sack zubinden", es noch einmal klar aussprechen, was Jesus auch uns sagen will, daß wir's heute von diesem Gottesdienst mit nach Hause nehmen in unser Leben, unseren Alltag und unsere Beziehungen zu anderen Menschen:

- Ein gutes Wort - und wenn es aus der Heiligen Schrift wäre - wird erst lebendig, wenn wir ihm unsere Hand, unseren Fuß und unser Herz schenken. Ich habe einmal in einem Andachtsbuch gelesen, worum es für uns Christen zuerst gehen soll: "So mach' die Bibel zu", hieß es da, "und zeig' mir, wie der Christus, den du meinst, in diesen Tagen lebt!" Ich glaube, das ist es: Lebt! Und eben nicht, welche Worte er sagt, oder welche noch so frommen Sprüche wir von ihm auf den Lippen haben. Unser Herr ist lebendig, wir sollen das den anderen Menschen mit unserem Leben zeigen.

- Wir sollen nicht auf noch so blendende Äußerlichkeiten hereinfallen, vielmehr hinter die Fassade schauen und hinter die schmeichelnden Worte hören. Gottes Sache ist nicht für die Augen, sondern die Seele bestimmt. Ein Dichter unserer Zeit hat es unvergleichlich schön so ausgedrückt: "Man sieht nur mit dem Herzen richtig; das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar."

- Und dann: Laßt uns nicht länger der Ehre nachlaufen, die es auf den Bühnen der Welt zu holen gibt. Sie ist oft fragwürdig und meist selbst nach irdischem Maß unverdient. Wieviel mehr kann uns die Ehre wärmen, die Gott uns schenkt!? Wieviel Freude kann in einem einzigen dankbaren Blick eines Menschen liegen, der uns nötig hat! Wie zufrieden kann es uns machen, wenn wir erfahren, wie wichtig wir denen sind, die uns lieben und brauchen, und daß sie sich ein Leben ohne uns niemals vorstellen könnten. Wieviel Ansehen bei Gott haben doch die Menschen, die wissen, warum er sie an gerade diesen Platz im Leben gestellt hat und die dort gern ihre Aufgabe erfüllen.

Ihr sollt nicht meinen, daß ich euch vor dem Vater verklagen werde..., heißt es hier am Ende. Das ist gut zu wissen, daß wir bei Gott nicht verklagt werden, wenn wir vor Jesu Worten versagen!

Aber wollen wir uns nicht bemühen, daß wir ihnen nach Kräften folgen, wenn wir doch heute begriffen haben, wie recht er hat und wie gut er es mit uns meint? Und immerhin: Wir nennen ihn doch unseren Herrn!