Predigt zum Sonntag "Kantate" - 2.5.1999

(weitere Predigten, Texte, Lieder, Gedichte und die Predigt zum aktuellen Sonntag der laufenden Perikopenreihe unter: http://www.predigt-eichendorf.de/ )

Textlesung: Mt. 21,14 - 22

Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme im Tempel, und er heilte sie. Als aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten die Wunder sahen, die er tat, und die Kinder, die im Tempel schrien: Hosianna dem Sohn Davids!, entrüsteten sie sich und sprachen zu ihm: Hörst du auch, was diese sagen? Jesus antwortete ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen (Psalm 8,3): "Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet"? Und er ließ sie stehen und ging zur Stadt hinaus nach Betanien und blieb dort über Nacht. Als er aber am Morgen wieder in die Stadt ging, hungerte ihn. Und er sah einen Feigenbaum an dem Wege, ging hin und fand nichts daran als Blätter und sprach zu ihm: Nun wachse auf dir niemals mehr Frucht! Und der Feigenbaum verdorrte sogleich. Und als das die Jünger sahen, verwunderten sie sich und fragten: Wie ist der Feigenbaum so rasch verdorrt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr Glauben habt und nicht zweifelt, so werdet ihr nicht allein Taten wie die mit dem Feigenbaum tun, sondern, wenn ihr zu diesem Berge sagt: Heb dich und wirf dich ins Meer!, so wird's geschehen. Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr's empfangen.

 

Liebe Gemeinde!

Ist das nicht seltsam? Was hat denn das "Lob, aus dem Mund der Unmündigen und Säuglinge" mit einem Feigenbaum zu tun, der keine Frucht bringt? Wo ist denn die Beziehung zwischen dem "Hosianna", das die Kinder schreien und dem Fluch Jesu, der einen Baum verdorren läßt? - Seltsam, wirklich!

Nun könnte man denken, es gibt da keine Beziehung! Das ist nur zufällig hintereinander geschehen und von Matthäus darum hintereinander berichtet: Erst das Lob der Kinder und am nächsten Morgen dann die Sache mit dem Feigenbaum. Zu tun hat das miteinander weiter nichts. - Ja, so könnte man denken. Ich denke anders und ich will erklären wie und warum:

Ich meine, Matthäus hat diese beiden Ereignisse sehr wohl zusammengesehen und entsprechend zusammengestellt. Er hat sein Evangelium ja auch - was andere Geschichte angeht - so "komponiert", daß uns Hörern und Lesern vielleicht aufgeht, was er dazu gedacht hat. - Und was hat er hier gedacht?

Jesus hatte Blinde und Lahme geheilt, wie wir hören. Ob diese ihm angemessen dafür danken, erfahren wir nicht. Aber die Kinder danken's ihm und loben ihn: "Hosianna, dem Sohn Davids!" Sie sagen damit - und das gefällt den Hohenpriester und Schriftgelehrten ganz und gar nicht - Jesus ist der Messias, der Sohn Gottes! Und sie tun damit, was recht ist und angemessen, nämlich den rühmen und ihm danken, der Menschen gesund und heil macht.

Und am nächsten Morgen erregt sich Jesus über einen Feigenbaum, der keine Früchte trägt. Wie sollte er aber auch? "Es war nämlich nicht die Zeit der Früchte", wie wir beim Evangelisten Markus erfahren - davon aber schweigt Matthäus! Für ihn also war sehr wohl die "Zeit der Frucht"!

Und das ist die Beziehung zum Hosianna der Kinder im Tempel und zu Jesu Wort an die Hohenpriester: "Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet"! Das Lob Gottes ist die Frucht, die wir Menschen treiben sollen. Seinen Ruhm hervorzubringen, sind wir da. Wie am Feigenbaum die Feigen, so will Gott aus unserem Mund den Dank und den Lobpreis ernten. Und wahrhaftig: Es kann keine Zeit unseres Lebens geben, die so gesehen keine "Zeit der Früchte" wäre.

Nun sind das Heilen und Gesund-Machen, das Loben und Ernten, aber auch das Fluchen und das Verdorren ganz praktische Dinge. Das wird erfahren und gelebt, das kann man spüren und sehen. Darum wollen wir hier jetzt auch ganz praktisch danach fragen, was die Geschichten vom Lob der Kinder und vom verdorrenden Feigenbaum mit unserem Leben zu tun haben könnten.

Mir fiel dazu eine Frau ein, die vor vielen Jahren einen sehr schweren Schicksalsschlag erlitten hat. Das war sehr schlimm für sie damals. Sie hat geweint und gehadert. Und sie hat seitdem für sich einen Strich gezogen: Mit Gott will ich nichts mehr zu tun haben! Mit dem bin ich fertig!

Meine Geschichte ist hier allerdings noch nicht "fertig"! So geht sie weiter: Heute sieht es im Leben derselben Frau ganz anders aus. Sie hat allen Grund, glücklich zu sein. Das "Schicksal", wie sie das ausdrücken würde, hat es in den letzten Jahren sehr gut mit ihr gemeint. Wir würden sagen: Gott hat ihr eine Fülle von Gaben geschenkt, sie wieder froh gemacht, sie nach ein paar dunklen Tagen damals wieder durch lange, helle Zeiten geführt. Sie müßte Gott loben, ihn preisen und ihm danken. Sie aber tut es nicht. Sie kann das so nicht sehen. Ich glaube, sie will es nicht! Sie ist "verdorrt", bringt keine "Früchte" mehr für Gott hervor.

Und an den alten Mann mußte ich denken, der in all seinen Gedanken nur um die Erlebnisse und Erfahrungen kreist, die dagegen sprechen, daß ein gütiger Gott, ein Vater im Himmel wohnt. Wenn er ins Erzählen kommt, werden wir vom Krieg hören und von seinen schrecklichen Erlebnissen in Schützengräben und Bombennächten. Dann geht er seinem Leben entlang, spricht vom frühen Tod der Frau, von der schlimmen Operation vor 20 Jahren, daß er wenig später seinen Arbeitsplatz verloren hat und endet beim Flüchtlingselend derzeit in den Lagern rings um das Kosovo. Und alles das soll es beweisen: Da ist kein guter Gott, der über uns wacht, ja, da ist überhaupt kein Gott! Und - ich sage das ausdrücklich! - alles das ist auch schrecklich und wir verstehen es nicht und man kann darüber ins Grübeln kommen, zu zweifeln beginnen und in seinem Glauben erschüttert werden! Aber das alles...ist doch nicht alles! Warum hören wir so gar nichts vom Glück seines Lebens? Warum erzählt der alte Mann nicht, wie schön die Beziehung mit der Frau war, die er geliebt hat? Daß sie drei Kinder haben durften, die ihm heute, wie auch die Enkel, herzlich zugetan sind? Daß er nachdem er schon so früh in Rente gehen mußte, immer sein Auskommen hatte, seine Aufgaben und das Wissen, wofür er da war und noch dasein konnte? Warum nimmt er jetzt nicht auch die selbstlose Hilfe wahr, die den Vertriebenen des Kosovo zuteil wird? Warum kann er sich nicht daran freuen, daß er heute morgen hat aufstehen können, daß er für sein Alter doch recht gesund ist und seine fünf Sinne gut beisammen hat? Warum sieht er nicht, daß er mit der Familie des Sohnes in so schöner Gemeinschaft leben darf, daß er nicht einsam ist in seinen alten Tagen, vielmehr geliebt und geachtet von allen im Haus?

Nein, das Lob Gottes ist ihm einmal fremd geworden und immer fremd geblieben. Der Ruhm, der Lobpreis und das Danken sind keine Früchte, die er Gott zurückgibt. Er ist "verdorrt", sein Leben treibt nur Hader, Feindschaft und Anklage gegenüber Gott.

Und so viele andere fallen mir jetzt ein: Die Menschen, die immer nur das Schlechte erwarten und sehen, die immer noch mehr haben wollen und darüber gar nicht mehr erkennen, wie reich, wie gesegnet sie sind. Die Menschen, die stets nur jammern und klagen und noch in der wunderbarsten Fügung das entdecken, was noch besser hätte sein dürfen! Und schließlich gibt es da noch jene, die ihr Leben laufen lassen, wohl wissend, sie müßten umkehren, einen neuen Anfang machen und wahrnehmen, wie begabt, gesegnet und begnadet sie doch sind, um Gott auch endlich die Früchte abzuliefern, die er doch schon so lange von ihnen haben will: Lob, Preis und Dank! Aber sie tun es nicht. Ihr Lebensbaum ist dürre. Gott kann nichts ernten bei ihnen.

Liebe Gemeinde, wie sieht das bei uns aus? Sind wir wie die Kinder, die hier "Hosianna" rufen? Geben wir Gott die Ehre, die er über all seinem Schenken an uns verdient hat? Oder wachsen unsere Früchte spärlich oder sind wir schon ganz unfruchtbar geworden?

Vielleicht gleichen wir ja auch den Hohenpriestern und Schriftgelehrten, die sich darüber entrüsten, wie andere ihre Freude, ihr Loben und Danken vor Gott bringen? Vielleicht meinen wir ja, das müsse auf diese oder jene Weise geschehen: Im Gebet - und natürlich im Verborgenen unseres Kämmerleins! Und in Worte gesetzt und mit Anrede am Anfang und am Ende ein Amen. "Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet"! Warum soll das fröhliche Lallen eines kleinen Kindes Gott nicht erfreuen? Warum soll das glückliche Lachen eines Verliebten, Gott nicht Freude bereiten? Ja, selbst die Tiere, die Blumen, die Bäume und die ganze Natur - sollte Gott nicht seine Ehre und sein Wohlgefallen daraus ziehen? Ist da nicht reiche Frucht für Gott!?

Müssen wir dagegen nicht bekennen, daß unser Leben kaum noch Früchte treibt, jedenfalls keine, die angemessen wären. Weil wir oft nichts mehr wahrnehmen von Gottes Güte, nicht mehr sehen, wie gut es uns geht, nicht mehr begreifen, daß es auch ganz anders sein könnte?

Wollen wir uns heute nicht einmal fragen lassen, wann wir eigentlich zuletzt so recht von Herzen Gott gelobt haben? Wann ging uns das Herz auf und über, daß wir ihm gesagt hätten, wie sehr wir uns an ihm freuen und daran, daß er so gütig ist? Wann hat uns das Glück zuletzt ein Lächeln auf unser Gesicht gezaubert, daß es Gott erfreut hätte, uns anzuschauen? Und nicht zuletzt: Wann ist das gewesen in der letzten Zeit, daß wir aus unserer Freude über Gott heraus, auch nur einen anderen Menschen froh gemacht haben?

Liebe Gemeinde, diese beiden Geschichten gehören zusammen: Das Lob der Kinder und die Sache mit dem Feigenbaum! Da ist wahrhaftig die engste Beziehung zwischen dem "Hosianna", das die unmündigen Kleinen hier rufen und dem verdorrten, toten Baum. Es geht um die Frucht des Lebens, Gottes Lob, seine Ehre, den Dank, den wir ihm erstatten.

Frage sich ein jeder und eine jede: Stehen wir im Saft und treiben Blüten und Früchte? Sucht Gott an uns vergeblich, was ihn erfreut?