Predigt zum Sonntag "Misericordias Domini" - 18.4.1999

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Textlesung: Hes. 34,1-2 (3-9) 10-16.31

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels, weissage und sprich zu ihnen: So spricht Gott der HERR: Wehe den Hirten Israels, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht, das Verirrte holt ihr nicht zurück, und das Verlorene sucht ihr nicht; das Starke aber tretet ihr nieder mit Gewalt. Und meine Schafe sind zerstreut, weil sie keinen Hirten haben, und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden und zerstreut. Sie irren umher auf allen Bergen und auf allen hohen Hügeln und sind über das ganze Land zerstreut, und niemand ist da, der nach ihnen fragt oder auf sie achtet. Darum hört, ihr Hirten, des HERRN Wort! So wahr ich lebe, spricht Gott der HERR: weil meine Schafe zum Raub geworden sind und meine Herde zum Fraß für alle wilden Tiere, weil sie keinen Hirten hatten und meine Hirten nach meiner Herde nicht fragten, sondern die Hirten sich selbst weideten, aber meine Schafe nicht weideten, darum, ihr Hirten, hört des HERRN Wort! So spricht Gott der HERR: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern; ich will ein Ende damit machen, daß sie Hirten sind, und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden. Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen, daß sie sie nicht mehr fressen sollen. Denn so spricht Gott der HERR: Siehe, ich will mich meiner Herde selbst annehmen und sie suchen. Wie ein Hirte seine Schafe sucht, wenn sie von seiner Herde verirrt sind, so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten von allen Orten, wohin sie zerstreut waren zur Zeit, als es trüb und finster war. Ich will sie aus allen Völkern herausführen und aus allen Ländern sammeln und will sie in ihr Land bringen und will sie weiden auf den Bergen Israels, in den Tälern und an allen Plätzen des Landes. Ich will sie auf die beste Weide führen, und auf den hohen Bergen in Israel sollen ihre Auen sein; da werden sie auf guten Auen lagern und fette Weide haben auf den Bergen Israels. Ich selbst will meine Schafe weiden, und ich will sie lagern lassen, spricht Gott der HERR. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken und, was fett und stark ist, behüten; ich will sie weiden, wie es recht ist. Ja, ihr sollt meine Herde sein, die Herde meiner Weide, und ich will euer Gott sein, spricht Gott der HERR.

Starke Worte, liebe Gemeinde, und ernst sind sie auch, sehr ernst! Aber an wen richten sie sich? An die Hirten! Nur an sie? Und wer ist das überhaupt? Die Pfarrer und Pfarrerinnen! Sonst niemand? Dann müßte ich jetzt nicht weitersprechen, denn außer mir, sehe ich hier keinen, der Pfarrer ist. Aber ich will das nicht so ganz von mir wegtun. Gewiß bin auch ich ein Hirte. Ich soll es sein. Und ich habe bei diesen Worten auch sehr lange nachgedacht, was sie mir sagen wollen: Wehe den Hirten, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht... Und besonders hat mich das erschreckt: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern... Das hat mir wieder neu die große Verantwortung vor Augen geführt, die ich doch auch habe, meinen Auftrag und meine Aufgabe an den Menschen. Aber, was mich erschreckt hat, hat mich zugleich auch getröstet: Gott überläßt den Hirten, wenn sie versagen, nicht seine Herde! Er fordert sie von ihnen, denn ihm gehört sie! Und noch viel tröstlicher, was wir dann hören: Ich will mich meiner Herde selbst annehmen...und will sie weiden... Ich will sie auf die beste Weide führen. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken...ich will sie weiden, wie es recht ist.

Aber noch einmal: Wer ist gemeint? Doch gewiß nicht die Pfarrer und Pfarrerinnen allein!

Liebe Gemeinde, mir kam dazu in den Sinn, in wie vielen Beziehungen wir doch stehen, in denen wir das sind und wohl auch sein wollen: Einer des anderen Hirte und Hirtin.

Was mit diesem Bild gemeint ist, das wissen wir, auch noch in einer Zeit, in der ein Schäfer mit seiner Herde nicht mehr zum alltäglichen Bild gehört. Ein Hirt ist einer, der für seine Schafe sorgt, der sie beschützt, auf sie achtet, daß sie immer genug Weide und Wasser finden... Dadurch, daß unser Herr sich den "guten Hirten" genannt hat, haben die Eigenschaften eines Hirten für uns noch deutlich andere, ehrenwertere Züge bekommen: Ein "guter Hirte" denkt nicht zuerst an sich, sondern an die, die ihm anbefohlen sind. Er gibt sich hin für sie, tut alles für sie, am Ende opfert er sogar sein Leben. - Und solche Hirten sollen wir alle sein?

Wie gesagt, wir wollen es sogar! - Ich denke da an die Beziehungen der Liebe, in denen wir stehen. Wenn ich an meine Frau denke, an meinen Mann oder wenn ich nicht verheiratet bin, an den Partner, die Partnerin... Möchte ich das nicht wirklich, daß dieser Mensch weiß und spürt, daß ich für ihn sorge, daß ich alles für ihn geben würde, daß ich ihn beschütze und niemals ablassen werde, ihn zu lieben!

Oder nehmen wir die tiefe Zuneigung, die wir als Mutter und Vater zu unseren Kindern haben. Kann unser Kind je herausfallen aus dieser Liebe? Wir möchten sie bergen in unserer Fürsorge, möchten sie immer um uns haben und oft genug fällt es uns ja sehr schwer, sie loszulassen, auch wenn es Zeit dazu ist. Und unsere Gefühle sind ja die gleichen, wenn unsere Kinder erwachsen sind, sie bleiben ein ganzes Leben lang. Wir werden respektieren, daß unsere Tochter, unser Sohn jetzt selbständig ist und für sich und sein Leben verantwortlich, unsere Liebe aber wird ihnen doch immer ein Halt sein, eine Hilfe solange wir bei ihnen sind. Und selbst wenn unsere Kinder Wege gehen, die wir nicht gutheißen können, selbst wenn sie in Sackgassen geraten und in Schuld fallen - unsere Tür wird immer offen sein für sie, wann immer sie heimkommen wollen!

Und schließlich sind unsere Freundschaften auch solche Beziehungen, wie sie ein guter Hirte zu seiner Herde hat - und auch hier geht das doch hin und her: Mein Freund kann sich auf mich verlassen! Ich werde niemals etwas tun, was ihm schadet. Im Gegenteil. Ich möchte, daß es ihm gut geht, daß er sich freuen kann. Böses will ich von ihm fernhalten. Er soll glücklich und fröhlich leben können! Und ich weiß, er sieht das mir gegenüber genauso! - Meine Freundin darf von mir wissen, daß sie zu jeder Zeit zu mit kommen kann, bei mir anrufen, mich um Hilfe bitten kann - ich werde immer Zeit für sie haben und nach Kräften für sie tun, was ich nur tun kann. Wie ein Fels will ich sein: Fest, stark und absolut verläßlich! Und umgekehrt weiß ich auch, daß sie so zu mir steht wie ich zu ihr. -

Sie konnten jetzt gewiß mitgehen bei diesen Gedanken: Ja, so ist das, das gibt es und es ist schön, daß es das gibt! - Gehen sie jetzt auch mit, wenn ich sage: Eigentlich sollen alle unsere Beziehungen zu den Mitmenschen so sein, wie sie ein Hirte zu seinen Schafen hat? Könnten sie dazu ja sagen, ehrlichen Herzens? Oder geht ihnen das denn doch zu weit? - Lassen wir die Frage einen Augenblick stehen.

Wie ist das, wenn der Mensch, der ihnen einen Gebrauchtwagen verkauft hat, sich hinterher als nur auf seinen eigenen Vorteil bedacht erweist? Vielleicht hat er ihnen gravierende Mängel des Autos verschwiegen, die sie sonst vom Kauf abgehalten hätten? Sagen sie dann: Der hat's richtig gemacht, denn in der Geschäftswelt herrschen nunmal andere Sitten? Oder berufen sie sich insgeheim oder gar öffentlich auf das Gebot der Ehrlichkeit und der Fairneß, selbst in einer nur geschäftlichen Beziehung?

Oder wenn ihr Kind eine Prüfung nicht bestanden hat...eindeutig, weil es dem Prüfer unsympathisch war oder die Kommission Formfehler gemacht hat? Sagen sie dann: Die haben die Macht und können halt tun und lassen, was sie wollen? Oder klagen sie nicht Recht und Gerechtigkeit ein und fordern eine Entscheidung ohne Ansehen der Person oder der Sympathie?

Und wir wollen auch hier nicht die andere Seite vergessen: Wenn sie einen Menschen in ihrer Umgebung gemein behandelt oder gar über's Ohr gehauen hätten, würde sie das so ganz kalt lassen, so daß sie zu sich sprechen: Wenn der halt so blöd ist, dann gebührt's ihm nicht anders? Oder hätten sie dann nicht doch mindestens für ein paar Tage Probleme, sich im Spiegel anzuschauen? Anders gesagt: Schlüge ihnen nicht doch das Gewissen? - Warum? Ich glaube, weil wir das eben doch wissen, daß wir allen Menschen gegenüber eine Pflicht zur Fürsorge haben, zum ehrlichen Wort und zum verläßlichen Handeln. Und wie wir diese Pflicht in uns hören und spüren, so gehen wir auch davon aus, daß sie die anderen uns gegenüber empfinden und erfüllen!

Hören wir da hinein noch einmal diese Worte: Wehe den Hirten, die sich selbst weiden! Sollen die Hirten nicht die Herde weiden? Spricht das jetzt nicht doch mit uns allen?

Liebe Gemeinde, ich habe mir vor dem Hintergrund dieser harten Worte Gottes vorgenommen, daß ich in allen meinen Beziehungen nachschauen möchte, wo ich die hier enthaltene Mahnung nötig habe. Ich will sehen und dem, wenn es bei mir so ist, ins Auge blicken, wo ich nicht auch die anderen Menschen weiden will, wo ich nicht mehr an sie denke und an das, was sie brauchen, sondern nur noch an das Eigene, meinen Vorteil, meinen Gewinn, wo ich also nur mich selbst weide.

Und ich will feinfühliger werden für das, was ich doch eigentlich für meine Nächsten tun könnte und tun müßte, weil sie vielleicht selbst zu schwach, krank oder verwundet sind.

Ich will also mein Hirtenamt an allen Menschen wahrnehmen und ernster nehmen als bisher. Denn es ist ernst und es darf nicht sein, daß Gott von uns so sprechen muß: Aber ihr eßt das Fett und kleidet euch mit der Wolle und schlachtet das Gemästete, aber die Schafe wollt ihr nicht weiden. Das Schwache stärkt ihr nicht, und das Kranke heilt ihr nicht, das Verwundete verbindet ihr nicht...

So möchte ich dem Urteil Gottes entgehen, wenn er sagt: Siehe, ich will an die Hirten und will meine Herde von ihren Händen fordern...

Ich will das nicht aus Angst tun, weil ich mich vor den Folgen fürchte, die Gott über mich bringt. Ich will den anderen ein Hirte sein, weil ich mir für mich doch auch Mitmenschen wünsche, die sich so verhalten, wie Gottes Wort mir einen "guten Hirten" beschreibt, wie er selbst für uns alle einer ist: Ich will mich meiner Herde selbst annehmen...und will sie weiden... Ich will sie auf die beste Weide führen. Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zurückbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache stärken...ich will sie weiden, wie es recht ist.

Ich glaube fest, daß wir einander solche Hirten werden können. Und ich glaube, daß darin sehr viel Glück und eine tiefe Freude verborgen liegen!